Eugenie lebt
Von Robert Streibel, am 6.6.05 um 9:29:07 Uhr.
Die Loge von Eugenie Schwarzwald.
Spekulationen über ein Phänomen und das Weiterleben nach dem Tod.
von Robert Streibel, Jänner 2005
Wer überlebt nach dem Tod? Wie tief müssen die Spuren sein und wie hoch die Werke gelobt werden? Als Name ist ein Weiterleben möglich auf Straßenschildern, als Anekdote, als Pate eines Preises oder einer Veranstaltung vielleicht. Nicht als bloßer Name, sondern als Name mit Erinnerung ist der Weg in die immaterielle Selbständigkeit schon seltener.
Eugenie Schwarzwald lebt, obwohl die Spuren, welche die Schulgründerin gelegt hat, nahezu unsichtbar sind, denn wer sieht die Prägungen von Menschen noch dazu wenn ein großer Teil in der ganzen Welt verstreut lebt? Und die Spuren, die hierzulande noch zu finden waren, zum Beispiel in Schulakten wurden, wenn sie auch Jahrzehnte überdauert hatten, dann durch Schlamperei doch noch vernichtet wie dies im Wiener Stadtschulrat 1999 passierte.
Für diejenigen, die die Massenvernichtung des Nationalsozialismus überlebt haben und für die Schülerinnen, die dem Alter getrotzt haben, lebt Eugenie als Name mit Erinnerung.
Edith Nökleby (geb. Mühlbauer) konnte 1938 nach England fliehen wie Gerta Adler (geb. Herzberg), Antonie Neumann war 1938 als Au Pair Mädchen in Frankreich und sah ihre Eltern, die in Konzentrationslager verschleppt wurden nie wieder, Erika Frage (geb. Herzberg) floh nach Chile, Margareta Wright (geb. Margulies) konnte mit den Eltern in die USA auswandern. Agathe Straus (geb. Deutsch) kam über Paris und Cherbourgh nach Rio de Janiero, Franzi Heidenreich emigrierte nach England, lernte Krankenschwester war in der Exil-Jugendbewegung „Young Austria“ tätig und kehrte nach Österreich zurück, Trude Hesse wanderte nach Schweden aus und besucht Wien durch Jahrzehnte immer nur im Sommer. Beispiele für Schwarzwaldschülerinnen, die überlebt haben. Die Erinnerungen an die „fröhliche Schulzeit“, die modernen und progressiven Methoden (Gerta Adler) verblassen nicht, Turnstunden auf dem Dach (Agathe Straus), die Grundlage für ein freudiges erfolgreiches Lernen (Margareta Wright), die Schule als „friedlicher Hafen“, wo Wege aufgezeigt wurden zu geistiger toleranter Reife, zu eigenen Urteilskraft (Antonie Neumann), die Erziehung zu Toleranz, Offenheit und Verständnis für Menschen (Gertrude Sommer). Hedy Levenback (geb. Basch) war das “fließende Englisch“, das sie der Schwarzwaldschule verdankte „schon in den ersten Tagen der Emigration in England sehr behilflich“.
Dass der Name mit Erinnerungen erhalten bleibt nicht nur für den immer kleiner werdenden Kreis der unmittelbaren Zeitzeugen zutrifft hat mit Beharrlichkeit zu tun, von einigen, die zum Beispiel den schnelllebigen Zeiten getrotzt haben und die es als ihre Aufgabe angesehen haben alles verfügbare Material über Eugenie Schwarzwald zusammenzutragen, wie Hans Deichmann eben. Er, der als Mitarbeiter bei IG Farben in Auschwitz zum „Verräter“ wurde, war von Eugenie Schwarzwald geprägt worden. Das Zusammensein mit ihr und ihrem Mann war für ihn Ende der zwanziger Jahre sein „wahres Studium“. „Ich lernte von ihr zuhören, offen und geduldig zu sein, nicht Opfer meiner Vorurteile zu werden, ich lernte, Achtung vor anderen zu haben; außerdem wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, eigene Fehler zuzugeben, mich über mich selbst lustig zu machen, kurz ich lernte, ein ziemlich freier Mensch zu sein.“
Ein anderer rüriger Geist ist Fritz Kramer , der die Volksschule bei Schwarzwald besuchen konnte und mit der Lehrerin der Schule Grete Kammerer bis zu ihrem Tod in Verbindung standen. Vor allem Hans Deichmann ist es zu verdanken, dass der Name mit Erinnerung weiterleben konnte für eine neue Generation wie Renate Göllner, die sich durch Jahre mit Genia Schwarzwald beschäftigt hat und nicht zuletzt für den Verfasser. Eugenie Schwarzwald und ihren Kreis galt es wieder ins Leben zu rufen mit einem Symposium, mit einer Ausstellung, mit einer homepage und nicht zuletzt mit regelmäßigen Treffen ehemaliger Schülerinnen, die seit 1998 in der Wiener Urania und später in der Volkshochschule Hietzing stattfanden, wo die Eugenie jetzt als Dauerausstellung eine kleine Heimat gefunden hat.
Die Treffen haben zum Teil auch Jahrzehnte verschüttete Freundschaften neu belebt, so trafen sich Dr. Andelica Gorisek aus Slowenien und Mag. Alice Sigmund nach 58 Jahren wieder. Beide gehörten zum letzten Jahrgang, der in der Schule im Juni 1938 noch maturieren konnte.
Der Kampf gegen das Vergessen hat schon früh begonnen, ohne Gedenktag und sichtbaren Anlass haben kurz nach dem Krieg ehemalige Schülerinnen die Erinnerung an Eugenie Schwarzwald in einem Leserbrief an die „Arbeiter Zeitung“ wiederaufleben lassen.
Eugenie lebt bis heute an den ungewöhnlichsten Orten, wo es niemand vermuten würde, zum Beispiel in Israel, noch immer, auch im August 2003 in der Wohnung von Ruth Shermann in einer Wohnung mit vielen Stühlen. In der Wohnung im fünften Stock in Tel Aviv würden die 12 Apostel und noch eine Menge Propheten genügend Platz finden, nicht auf irgendwelchen Stühlen, sondern auf Antiquitäten mit ausladenden Lehnen, bei denen die Finger auf dem einen oder anderen mit einem Löwenkopf spielen können.
Gemeinsam mit zwei anderen jüdischen Familien hat Familie Bartfeld, die in Wien auf dem Karmelitermarkt einen Stand für Butter und Käse betrieben hat, bevor die Nazis kamen, für die Flucht aus der „Ostmark“ einen Container gemietet, um ihre Wertgegenstände in Sicherheit zu bringen. Der Container erreichte tatsächlich Palästina, und ging nicht verloren oder landete in einem Lager wie dies vielen anderen Flüchtlingen vor dem Nazi-Terror passierte.
Familie Bartfeld konnte sich retten, die beiden restlichen Familien sollten nie in der neuen Heimat ankommen. „Wir haben die Möbel aufgehoben, weil wir immer noch geglaubt haben, sie würden kommen und jetzt kann ich sie nicht weggeben, denn sie sind das einzige was von diesen Familien geblieben ist, ich kann mich einfach nicht von ihnen trennen.“ Viele Sitzgelegenheiten gibt es in der Wohnung von Frau Shermann und die Geschichte ihrer Familie würde viele Zuhörer verdienen.
Beim Besuch kommt die Sprache auf die noch nie erzählte Vergangenheit der Familie auf zwei bedeutende Kunstwerke, die im Besitz der Familie waren. Ein Waldmüller und einen Isidor Kaufmann. Ein Bild haben die Nazis geraubt, das zweite musste sie in den 70er Jahren verkaufen um Überleben zu können. Und dann kommt der Rettungsanker. Die Schwarzwald-Schule hat mir das Leben gerettet mit einem einzigen Satz eines Lehrers, den sie all die Jahre als Stütze empfunden hat, bis heute. Einmal bist du unten und einmal bist du oben, das ist in der Geschichte von Ländern und Völkern so wie auch im Leben. „Als uns die Nazis alles weggenommen haben, da habe ich gewusst, jetzt sind wir ganz unten und ich habe gewusst, wir werden auch wieder hinaufkommen.“
Eugenie lebt und wenn es eben „Fraudoktor“ nicht persönlich ist, die plötzlich quirellig, weil gerade neu (wieder)erinnert oder beschrieben auftritt, dann sind es eben auch Lehrer, die in ihrer Schule gewirkt haben. Eine derartige Frischzellenkur der Erinnerung hat der Romanautor Steffen Menschigg, der das Arbeitsjournal seiner Reise nach New York zu einem Roman ausgebaut hat für den aufmerksamen Leser bereit, denn in seinem Roman „Jabos Leiter“ wird eine der Hauptpersonen Lily spät aber doch als Schwarzwaldschülerin „geoutet“ und wie könnte es anders sein mit einer gegen den Strich gebürsteten Lebensweisheit. „Meine Lehrerin, Genia Schwarzwald, die Direktorin unserer Schule in Wien, hat immer gesagt, ich hasse den Spruch: Der Gescheitere gibt nach, eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.“
Lily gehört zur Mittwochsrunde von „Emigranten“, die seinerzeit von Oskar Maria Graf gegründet worden war. In den Gesprächen taucht auch eine andere legendäre Gestalt der Schwarzwaldschule auf: der jüdische Religionslehrer Taglicht auch Herd genannt, der hier die Ehre hat, mit einer anderen Facette seines Lebens präsent zu sein, nämlich als Erzieher der Tiffany-Zwillinge und von Anna Freud.
Die Erinnerung scheint einem Myzel zu gleichen, dass unter der Oberfläche scheinbar allen Grenzen zu trotzen scheint und unvermutet kann zwischen England, Amerika, Australien und Wien das Kürzel „Fraudoktor“ immer Früchte tragen. Erinnerung ist scheinbar beständiger und hilft mehr als es zum Beispiel die Eugenie Schwarzwaldgasse in Wien im 23. Bezirk geschafft hat, die nur einen bescheidenen Beitrag leisten kann, den Ruhm, der bis 1938 in Wien wirkenden manisch Aktiven zu mehren, eine Erinnerung an der Wirkungsstätte in der Wallnerstraße/Herrenstraße in unmittelbarer Nachbarschaft des ersten Hochhauses von Wien fehlt eine Zeit- oder Erinnerungszeichen bis heute. Eine Gasse ist keine Straße, doch manche habe es bis heute nicht einmal dazu gebracht wie Sir Karl Popper. Und wie steht es um ihre zweite Wahlheimat, den Grundlsee. Auf dem Platz der Seevilla steht ein Hotel, der Schwarzwald-Saal hat eher den Charme einer Bahnhofshalle und die Schwarzwaldtage, die die Volkshochschule Galileigasse in Kooperation mit dem Verband Wiener Volksbildung versucht hat zu organisieren.
„Offene Diskussionen über Politik, Kultur und Kunst sind heute nötiger denn je. Doch die Zeit der Salons ist vorbei. Wehmut und Sentimentalität sind schlechte Lehrmeister in Zeiten, in denen die geistige Versteppung große Teile unseres Lebens bedroht. Mit den Schwarzwaldtagen will die Volkshochschule Galileigasse an eine verschüttete Tradition anknüpfen“, hieß es in der Ausschreibung für die Tage im Jahr 1997. Bis zum Jahr 1938 hat Eugenie Schwarzwald in ihrem Hotel am Grundlsee den unterschiedlichsten Menschen aus allen Teilen Europas eine geistige Heimat geboten. In regelmäßigen Abständen sollten die Schwarzwald-Tage die Möglichkeiten zu Begegnungen mit Menschen und Themen bieten. Zumindest ein Mal fanden diese Tage statt mit prominenter Beteiligung.
Der Filmregisseur Michael Kehlmann, die Literaten Milo Dor und Daniel Kehlmann, der Germanist Dr. Arno Rußegger, der Fachbuchautor Lucian O.Meysels und der Politiker und Publizist Erhard Busek bestritten das Programm und etwas mehr als ein Dutzend Interessierter verbrachten einige Tage im Hotel Wasnerin, nicht am Ort des vormaligen Geschehens, aber an einem Platz, wo zumindest vom Interieur noch die Stimmung lebendig ist. Die Zeiten, als Egon Friedell und viele andere zu Eugenie Schwarzwald kamen sind vorbei, vielleicht war es damals auch so etwas wie ein Vorgriff auf kommende Zeiten, auf eine Europa der Geister.
Eugenie füllt Bände zumindest drei umfassende Bücher liegen vor und ein ganzer Bestand an Akten, Kopien und Briefen im Wiener Stadt- und Landesarchiv, eine Fundgrube, die Hans Deichmann in mühevoller Arbeit durch Jahre angelegt hat.
Wie müsste eine kurze Geschichte von Eugenie Schwarzwald aussehen? Am 4. Juli 1872 wird Eugenie Nußbaum in Polupanowka geboren, sie besucht die Volksschule in Czernowitz und absolviert ein Studium in Zürich, wo sie am 30. Juli 1900 zum Doktor phil. mit der Dissertation „Metapher und Gleichnis bei Berthold von Regensburg” promoviert. Im gleichen Jahr heiratet sie Hermann Schwarzwald und übersiedelt nach Wien. Bereits am 15. Jänner 1901 hält sie einen ersten Vortrag im Wiener Frauen Club. Eine weitere Vortragstätigkeit beginnt sie im Rahmen der Volkshochschulen vor allem im Verein Volksheim in Wien-Ottakring. Der Begründer des Volksheims, der Historiker Ludo Moritz Hartmann bot Eugenie Schwarzwald die Gelegenheit, ihre pädagogischen Kenntnisse in der Praxis im für damalige Verhältnisse modernst ausgestatteten Volksheim auszuprobieren. „Na also, probieren Sie. Aber machen Sie sich darauf gefasst: Zu Ihnen werden nicht viele hineingehen”, meinte Hartmann. Beim ersten Vortrag saßen „sieben ältere Männer im Saal. Das nächste Mal hatte ich 60 Schüler.” Eugenie Schwarzwald zählte lange Jahre zu den Vortragenden, wie das Plakat des Volksbildungsvereins aus dem Jahr 1913 beweist, wo sie mit einem Vortrag über Karl Spitteler vertreten ist.
Die Übernahme des Mädchen-Lyceums von Eleonore Jeiteles auf dem Franziskanerplatz im Jahr 1901 durch Eugenie Schwarzwald rief das Unterrichtsministerium auf den Plan. Für nur drei Jahre genehmigte das Ministerium unter Wilhelm August von Hartel (1839-1907) ihr die provisorische Leitung der Schule. Insgesamt 37 Jahre lang durfte Eugenie Schwarzwald nicht selbständig ihre Schule leiten, ihr in Zürich erworbener akademischer Grad wurde nicht anerkannt. Nichtsdestotrotz eröffnet sie die erste Koedukationsvolksschule 1903 und ein alkoholfreies Speisehauses im Volksheim ein. Nach zwei Jahren erhält die Koedukationsvolksschule das Öffentlichkeitsrecht. Doch Eugenie Schwarzwald muss Prof. Ludwig Dörfler als Leiter der Schulanstalten anstellen, da eine Prolongierung der „provisorischen Leitung” durch Schwarzwald nicht mehr toleriert wird.
Im Jahr 1907 erhält die Schwarzwaldschule das Recht, Reifeprüfungen abhalten zu dürfen. Ein vierklassiges Realgymnasium startet 1909 und Eugenie und Hermann Schwarzwald ziehen in die von Adolf Loos gestaltete Wohnung in der Josefstädterstraße 68 ein. Bei der Eröffnung des achtklassigen Mädchengymnasiums 1911 unterrichtet Oskar Kokoschka Zeichnen. "Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen". Mit diesen Worten wurde eine Verlängerung der Lehrtätigkeit von Oskar Kokoschka an der Schule durch das Unterrichtsministerium abgelehnt. Ein Jahr später wälzt Eugenie Schwarzwald gemeinsam mit Adolf Loos Pläne für den Bau einer Semmeringschule.
Im Jahr 1913 übersiedelte die Schwarzwaldschule in das Gebäude in der Wallnerstraße 9. Während sich im Literatencafé Herrenhof im selben Haus prominente Schriftsteller und Künstler trafen, eroberten die Schülerinnen den Dachgarten nicht nur im Turnunterricht. „Die Schule muß versuchen, eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten.” (Eugenie Schwarzwald: Die Lebensluft der neuen Schule 1931) Langeweile war für „Fraudoktor” ein Gift, das Kindern nicht einmal in kleinen Dosen verabreicht werden darf, Fröhlichkeit sah sie als ein unentbehrliches Lebensmittel an. Eugenie Schwarzwalds Reformideen bildeten die Grundlage für Otto Glöckels umfassende Schulreform nach 1918.
Während des Ersten Weltkrieges werden unter der Anleitung von Eugenie Schwarzwald Gemeinschaftsküchen gegründet und Hilfsprogramme für Flüchtlingskinder gestartet. Ein Erholungsheim für Kinder und Erwachsene in St. Wolfgang entsteht und die Aktion „Wiener Kinder aufs Land” ermöglicht tausenden Kindern einige unbeschwerte Wochen zu verleben. Im Jahr 1916 beginnt ein zweijähriger chemischer Fachkurs für Frauen und Dr. Otto Rommel, der spätere Herausgeber der Nestroy Gesamtausgabe wird Direktor der Schwarzwaldschule. Adolf Loos hält Vorträge im Festsaal der Schwarzwaldschule und Arnold Schönberg bietet ein Seminar für Komposition an.
Das Ende des Ersten Weltkrieges erleben Kinder, Erwachsene und Eugenie Schwarzwald im Sommerheim für Kinder und Erwachsene in Bad Topolschitz. „Fraudoktor“ wie sie längst genannt wird gründet weitere Kinderheime wie das „Haus in der Sonne” in Küb am Semmering, und das Kinderheim „Wolfsbergkogel” am Semmering und übernimmt des Erziehungsheims Harthof bei Gloggnitz für Knaben und Mädchen zwischen 10 und 16 Jahren. In die Kaiserresidenz in Bad Ischl ziehen ebenfalls Kinder ein und Bedürftige werden in der Helmstreitmühle in Mödling und in Reichenau betreut, unter ihnen auch Robert Musil. Weitere Aktivitäten sind eine Jugendwerkstatt für Knaben in der Invalidenschule in der Schleiergasse in Favoriten, Ferienkolonien für Kinder in Küb, Reichenau, Ischl, Waidhofen a. d. Ybbs und Bad Fischau. Für Erwachsene gibt es Erholungsmöglichkeiten auf dem Semmering und in Raach, in der Nähe vom Harthof.
Mit der Übernahme der Villa „Seeblick” am Grundlsee 1920 sind die Sommeraktivitäten für die folgenden 18 Jahre gebündelt.
Das Schwarzwald’schen Wohlfahrtswerks verwaltet seit 1922 die verschiedenen Aktivitäten. Ein Jahr später weitet Schwarzwald ihren Wirkungskreis auf Berlin aus, wo die „Österreichische Freundeshilfe” vier Gemeinschaftsküchen betreibt. Überdies wird in Bad Lobenstein in Thüringen ein Erholungsheim betrieben. Als die ersten Flüchtlinge 1933 nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Hilfe in Österreich benötigen hilft Eugenie Schwarzwald und ihr Mann. Nach der Niederschlagung des Widerstandes sozialdemokratischer Arbeiter im Februar 1934 unterstützt sie auch verfolgte Kämpfer und ihre Familien.
Als die Nazis in Österreich einmarschieren, tritt Eugenie Schwarzwald eine Vortragsreise nach Dänemark an, kehrt nicht mehr nach Wien zurück und bleibt in Zürich. Im September wird die Schwarzwaldschule geschlossen, das Vermögens durch den Stillhaltekommissar liquidiert. Ende September gelingt auch Hermann Schwarzwald mit Marie Stiassny, der treuen Sekretärin, Freundin und Assistentin die Flucht in die Schweiz. Ein Jahr später stirbt Hermann Schwarzwald in Zürich. Im August 1940 verliert Eugenie Schwarzwald ihren Kampf gegen den Krebs.
Eugenie Schwarzwald scharte prominente Männer wie zum Beispiel Hans Kelsen, den Schöpfer der österreichischen Bundesverfassung, um sich, die zu Bündnispartnern für ihr Vorhaben, die Beseitigung der ungleichen Bildungschancen für Frauen, wurden. Der Architekt Adolf Loos gestaltete auch den Turnsaal und die Direktionsräume der Schule. Prof. Edmund Bernatzik, Staatsrechtler und Mitglied des k.k. Reichsgerichtes, organisierte ab 1916, als die Frauen noch nicht zum Rechtsstudium zugelassen waren, die Rechtsakademie für Frauen. Zu den prominenten Lehrern der Frühzeit gehörte außerdem der Musiker Egon Wellesz.
Zu den für einige tausend Kinder prägenden Erlebnissen gehörten die von Eugenie Schwarzwald organisierten alljährlichen Ferienkolonien, die als Folge der Aktion "Kinder aufs Land” während des Ersten Weltkrieges entstanden. Der Harthof am Semmering war nicht nur Sommerkolonie, sondern auch eine koedukativ geführte Schule für Jugendliche von 12 bis 18 Jahre. Einer der zentralen Lehrerfiguren der Sommerpädagogik war Karl Buresch. Zu den Gästen einer dieser Kolonien gehörten auch Karl Popper und der spätere Dramaturg am Burgtheater nach 1945 Joseph Glücksmann.
Für die ehemaligen Schülerinnen der Schwarzwaldschule, die bis zum Jahr 1938 bestanden hat, zählen die Jahre dort zur schönsten Zeit ihres Lebens. Zu Genias begabten Kindern zählten zum Beispiel die Schriftstellerinnen Hilde Spiel, die Schauspielerinnen Elisabeth Neumann-Viertel und Helene Weigel, die damals unter ihren Mitschülerinnen noch als „hässliches Entlein” gegolten hat. Im Umfeld der Schule war auch Vicky Baum zu finden. Die Kunsttherapeutin Edith Kramer und die Psychoanalytikerin Else Pappenheim waren ebenfalls Schwarzwald-Schülerinnen.
Für alle, die lesen können, gibt es nicht wenige Anekdoten, denn verborgene Spuren hat „Fraudoktor“ auch in verschiedenen Formen der Literatur gelegt, der Kabarettist Peter Hammerschlag , dessen Tochter auch die Schwarzwaldschule besuchte, hat zwei, drei Gedichte über sie geschrieben und ist mit ihr scharf zu Gericht gegangen.
Im Gedicht „Genia for ever“ heißt es „Es saßen die Huren, bescheiden und fein,/ Und wußten nicht, was noch kam./ (...) Töfftöff! kam Genia in schwarzseidnem Kleid/ Per Auto durch finstere Nacht, (...) Sie nahm den Pintsch der Madame auf den Schoß,/ Das alte speckige Vieh,/ Erzählte von Hamsun und Schnittlauchsauce,/ Von Kreuzstich und Ave Marie.“ Hammerschlag lässt Genia selbstverständlich „Volksbildungs-Freikarten“ bei sich haben und parodiert ihre Anpassungsfähigkeit “Sie spielte Fußball und Schnapsen und Dritt-/Abschlagen und alles zugleich.“
Torberg hat ihr zu einem Platz in der Tante Jolesch verholfen und damit ihre angebliche Eitelkeit oder Geltungssucht charakterisiert und Elias Canetti hat ihren Salon und seine Bewohner beschrieben, nicht ohne mit Spott zu sparen, eine Form der männlichen Abgrenzung von einer Frau, die nur schwer greifbar war.
"… Das eher kleine Zimmer, in dem die Besucher empfangen wurden, war noch legendärer als die Frau Dr. Schwarzwald, denn wer war nicht alles schon da gesessen! Hier kamen die eigentlichen Größen Wiens und zwar lange bevor sie zu allgemein bekannten, öffentlichen Figuren geworden waren. Adolf Loos war da gewesen und hatte den jungen Kokoschka mitgebracht, Schönberg, Karl Kraus, Musil, man müsste viele Namen nennen, deren Werk später vor der Zeit bestanden hat. Nun war es aber keineswegs so, dass auch nur ein einziger dieser Besucher das Gespräch der Frau Dr. Schwarzwald besonders interessant gefunden hätte. Sie galt als passionierte Pädagogin mit modernen, freien Tendenzen, von ihren Schülern wurde sie vergöttert, sie half manchen wirklich und erlaubte viel, aber da alles bei ihr ineinander- und durcheinanderfloß, war sie für geistige Menschen jener besonderen Art nicht nur uninteressant, sondern eher lästig. Man empfand sie als Schwätzerin mit den allerbesten Absichten, aber die, die hinkamen und die man dort traf, waren es nicht, auch waren es immer nur wenige auf einmal, man hörte und sah sie genau, sie prägten sich einem ein, als seien sie gekommen, um ihr Porträt zu sitzen, und vielleicht usurpierte man ein wenig die Rolle des großen Porträtisten, der sie da kennengelernt und dann auch wirklich gemalt hatte …" Lobend sich distanzieren, eine besondere Kunst, die Canetti hier vorführt: Eine Ehrlichkeit, die es erst auszuhalten gilt.
Der Dichter Jakob Wassermann hat ihr 1925 „Seele einer Menschenschule“ ein kleines Denkmal gesetzt. Ihre Schule sei „geführt im Geiste einer neuen Humanität, den staatlichen Gewalten, den beamteten Erziehern ein Dorn im Auge“. Die, die ihrer Hilfe bedürfen begegnet sie als eine „ von vornherein Verpflichtete“. Dazu kommt noch ihre Freundlichkeit. „Eine Freundlichkeit gegen die Menschen, gegen die Menschen an sich, das ist, wie ich gesehen habe, so selten wie Schönheit, wie Tugend, wie Genialität. Ein solcher Freundlicher besitzt moralische Zucht und Selbstbeherrschung (…)“ Was Hammerschlag parodiert wird hier auf den Sockel gehoben.
“Mit jedem muss sie in seiner 'Sprache reden, den Argumenten eines jeden zuvorkommen, seine kleinen Eitelkeiten ausfindig machen und schonen, sich mit seinen Interessen vergleichen, seinen vermeintlichen Ideen auseinandersetzen und ihm seine Vorbehalte abdingen. Sie muss Briefe schreiben, Ansprachen halten, telefonieren, bitten, betteln, zürnen, lachen, weinen, aufheitern, Ehrgeizige beschäftigen, Ängstliche beschwichtigen, Habgierige befriedigen, Heißsporne vertrösten, Machthaber vergewaltigen oder überlisten, Vordringliche zurückweisen, Gelangweilte ermuntern; sie lebt mit dem Zifferblatt der Uhr vor Augen und ohne Zeit im Gemüt, denn sie hat keinen Tag und sie hat keine Nacht; ihr Tun ist pausenlos.(…)”
Wer Eugenie und die Literaten sagt, der muss neben Elias Canetti, Hilde Spiel, der amerikanische Nobelpreisträger Sinclair Lews und der Kulturphilosoph Egon Friedell vor allem Robert Musil nennen. Musil hat Eugenie Schwarzwald und ihr Wirken als eine Realitätsfacette für sein Bild von Diotima genommen, die im „Mann ohne Eigenschaften“ wirkt und schaltet und vieles von dem tut, was bereits beschrieben wurde. Rund um Ermelinda Tuzzi sammelt sich der Kreis von Gutwilligen, die Vorbereitungen für die große „patriotische Aktion“ zu Ehren des 70. Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph treffen. Begegnungen sind zu inszenieren und die unterschiedlichsten Menschen und Meinungen an einen Tisch zu bringen oder zumindest in einer Wohnung zu versammeln.
„Diotimas Gesellschaften waren berühmt dafür, dass man dort an großen Tagen auf Menschen stieß, mit denen man kein Wort wechseln konnte, weil sie in irgendeinem Fach zu bekannt waren, um mit ihnen über die letzten Neuigkeiten zu sprechen, während man den Namen des Wissensbezirks, in dem ihr Weltruhm lag, in vielen Fällen noch nie gehört hatte. Es gab da Kenzinisten und Kanisisten, es konnte vorkommen, dass ein Grammatiker des Bo auf einen Partigenforscher, ein Tokontologe auf einen Quantentheoretiker stieß, abzusehen von den Vertretern neuer Richtungen in Kunst und Dichtung, die jedes Jahr die Bezeichnung wechselten und neben ihren arrivierten Fachgenossen in beschränktem Maße dort verkehrten durften. (...) Was das Haus Diotimas vor allen ähnlichen auszeichnete, war übrigens, wenn man so sagen darf, gerade das Laienelement; jenes Element, der praktisch angewandten Ideen, das sich – um mit Diotima zu sprechen – einst um den Kern der Gotteswissenschaften als ein Volk von gläubig Schaffenden verteilte, eigentlich als eine Gemeinschaft von lauter Laienbrüdern und –schwestern kurz gesagt, das Element der Tat.“
Von Musil ebenso literarisch ins Bild gesetzt zu werden wie von Canetti und Torberg ist ungewöhnlich und ungewöhnlich war sicherlich auch die persönliche Lebensgestaltung von Eugenie Schwarzwald, denn ihre Sekretärin Marie Stiassny soll mehr gewesen sein und nicht nur eine enge Vertraute von Eugenie, sondern war gleichzeitig auch die Geliebte ihres Mannes „Hemma“.
Der Roman der österreichischen Schriftstellerin Grete Urbanitzky „Der wilde Garten“ aus dem Jahr 1927 liefert in der Zeichnung der alleinstehenden Lehrerin Dr. Hanna Südekum, die in ihrer Aufgabe und Obsorge für ihre Schülerinnen aufgeht („die Krämerart war ihr fremd, die Liebe nur Zoll um Zoll, Leben für Leben gilt“ ) ein verstecktes Psychogramm von Eugenie Schwarzwald. Fräulein Südekum entdeckt nämlich auch die Liebe zu einer Schülerin. Alleine die Eingangsszene als die Lehrerin Südekum die Schülerin Gertrud in ihrem Zimmer empfängt, die ihr das Herz ausschütten will über ihre Probleme mit ihrer Mutter und die mit den Worten schließt: „So war damals Fräulein Dr, Südekum mütterlichem Herzen ein neues Kind zugewachsen“, legt einen Vergleich mit „Fraudoktor“ nahe. „Du sollst erzählen Gertrud,“ sagte sie ruhig, „aber nicht so, nicht in deinem harten Zorn. Du sollst nicht Worte sagen, deren Zeuge ich dann in deinem Erinnern immer sein würde – und die du vergessen kannst, solange du sie nur dachtest.“
Die Lehrerin Südekum scheitert beinahe gänzlich mit ihrem Erzhiehungs-Programm, dass die Mädchen nur als asexuelle Wesen sehen will und kann und keine Emanzipation, sondern nur Heirat kennt, um am Schluss doch zu einem „Programm der Liebe“ und des Verständnisses zurückzufinden. So formuliert der Arzt und Schicksalgefährte Dr. Klempner, der seine fünfzehnjährige Tochter verloren hatte, bevor sie schwanger und Selbstmord verübte („Es ist alles so hässlich und gemein, was man aus dem Leben gemacht hat. So kalt und gemein. – Was sollte mein Kind hier?“) Aus den düsteren Erfahrungen formuliert er auch für die Lehrerin Südekum die Programmatik, die derartige Katastrophen verhindern könnten.
„Der wilde Garten der Jugend braucht Liebe, - immer nur Liebe, Frau Lehrerin! Und wenn eine zu früh und zu wild sich dem Sommer entgegendehnt – lieben Sie sie, und wenn sie strauchelt, lieben Sie sie. Nicht alle blühen unter demselben Gesetz, und was für die eine Schuld und Sünde ist, kann für die andere Befreiung und Wachsen sein. Wir wissen nichts, - wir können sie nur lieben und geben ihnen damit das, was nur die Sonne den Blumen geben kann: dass sie nicht im Schatten schief und winklig werden, dass sie sich nicht aus dem Leben flüchten wie aus einem Spiel, das zu weh tut, - dass sie sie selbst werden.“
Viele Aspekte gäbe es noch zu erforschen, da Eugenie als Adabei der guten Tat und Katalysator von menschlichen Begegnungen als potentieller Fluchtpunkt für das Wiener Geistesleben zwischen 1900 und 1938 gelten kann, ist es nicht von ungefähr zu fragen, ob zum Beispiel auch Theodor W. Adorno zumindest flüchtig von Eugenies an die Brust gedrückt wurde, ob der im Konzentrationslager Dachau ermordete Emil Alphons Reinhardt , der mit der Sängerin Emmy Heim zumindest kurz verheiratet war, nicht auch im Salon vorbeigeschaut hat, er hat vielleicht dort auch Rilke getroffen und den Schauspieler Moissi gesehen hat bei Kaffee und Kuchen. Von mehr Gewicht sind hingegen sicherlich die weisen und vorausblickenden Worte von Schwarzwald über Arnold Schönberg, den sie zu seinem 50. Geburtstag in Wien zu würdigen wusste und dies auch von der Stadt einforderte.
Was bei der Vielfalt der Beziehungen und Persönlichkeiten auffällt, hat Renate Göllner in ihrer kritischen Studie über Eugenie Schwarzwald zumindest für das pädagogische Konzept auf den Punkt gebracht, wenn sie von Eklektizismus spricht. Denn abgesehen von einem emanzipatorischen Gesichtpunkt und dem Bemühen um eine egalitäre gymnasiale Bildung für Mädchen und dem Kampf um die Zulassung von Frauen zu Universität „flossen in ihre Vorstellung von Schule und Erziehung ein Fülle unterschiedlicher, oft auch widersprüchlicher Theorien und Ansätze ein, die sie aufnahm, modifizierte und weiterentwickelte.“
„Eben weil sie keine Theoretikerin, sondern in erster Linie pädagogische Akteurin war, konnte sie sich gleicherweise spontan für die inhaltlich so differierenden pädagogischen Vorstellungen des „Erziehers der Armen“ Johann Heinrich Pestalozzi, der katholischen Ärztin und Begründerin der Kindergartenpädagogik Maria Montessori oder der schwedischen Schriftstellerin und Essayistin Ellen Key begeistern.
Hinzuzählen ist diesem Komplex von Ideen und Einflüssen überdies der national-autoritär gesinnte Hermann Lietz, nach dessen Vorstellungen sie ein Landerziehungsheim auf dem Semmering zu errichten plante.“ Schwarzwald hat zwar keine eigene Pädagogik entwickelt, aber eine Pädagogik der Praxis perfektioniert. Gewürdigt wurde dies von einem Pionier der Pädagogik sehr früh. Otto Glöckel der mit seinen Schulreformen das „Rote Wien“ geprägt hat Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Schwarzwaldschule hat er den Satz geprägt. „Eugenie Schwarzwald hatte die Schulreform schon praktisch geübt, als selbst noch ihre Theorie unbekannt war.“
Nicht nur in der Pädagogik dürfte Eklektizismus die Lebensmaxime gewesen sein: Zu verbinden was eigentlich nicht zu verbinden war. Von allem und nichts, durch das Scharen von interessanten Menschen sich selbst aufzuwerten, bösartig betrachtet könnte man dies auch als bloße Eitelkeit ausgelegt werden. Mag sein, dass der Treibstoff für den Lebensmotor auch mit diesem Zusatz versehen war, doch eine hinreichende Begründung für die Umtriebigkeit von Eugenie Schwarzwald ist es nicht.
Und so dämmert eine zentrale Frage: Welchem System folgen die Bekanntschaften, die Freundschaften, die Partnerschaften und Bündnisse? Was ist der unsichtbare Faden, der alle die, die bei ihr zu Hause, in der Schule, bei ihren Veranstaltungen zu unterschiedlichen Zeiten aus und ein gingen verbindet? Der Haarschopf von (Noch-nicht Sir) Karl Popper auf einem Jugendlager ist markant, Othmar Spann der Erfinder des Korneuburger Eides und einer der Vordenker des Austrofaschismus blickt versonnen in Gesellschaft der Schwarzwalds. Nur ein paar Jahre zuvor hatte seine Gastgeberin den Naturheilmethoden des Wiener Arztes Victor Hecht und seiner einfachen Lebensweise gefrönt. Ein Militär und Schriftsteller wie Walter Bloem, der zum Beispiel mit seinem Roman „Der krasse Fuchs“ ein Sittenbild der Corps-Studenten und damit Auskunft gab über die Mentalität bürgerlicher Eliten in der wilheminischen Zeit, der er selbst angehörte, genoss ebenso die Gesellschaft der Schwarzwalds wie der ungarischen Kunstmäzen Baron Lajos Hatvany, jugendliche Sozialisten und der Gründer der österreichischen Pfadfinder wie Emmerich Teuber.
Der Komponist Hans Eisler wurde neben dem Philosophen Georg Lukács in den Grinzinger Baracken von Eugenie versorgt. Eine Liste der unmöglichen Kombinationen, die noch beliebig fortzusetzen wäre. Der spätere Pianist Rudolf Serkin versuchte sich am Klavier in der Seevilla am Grundlsee, während Karin Michaelis , die Erfinderin der Bibi-Bücher durch die Schule geführt wurde und der spätere Widerstandskämpfer des Jahres 1944 Helmuth Graf von Moltke im Schlepptau der Schulgründerin Süßigkeiten an die Schülerinnen in der Wallnerstraße verteilte.
Die Schriftsteller Arno Holz, Franz Theodor Csokor, Felix Braun, Carl Zuckmayer haben oder hätten auf Klabund, Thomas Mann und Carola Neher treffen können.
Vermutungen über die Gemeinsamkeiten dürfen angestellt werden, politische Präferenzen dürften es nicht gewesen sein. Wer in der Lage war in den bildungsbürgerlichen Kanon einzustimmen, der hatte eine Chance. Kein elitärer Kreis, eine Gemeinschaft, die offen war für Arivierte und für Junge, für jene, die es sich im bürgerlichen System bequem gemacht hatten und jene, die dieses in welche Richtung immer verändern wollten.
Eben kein elitärer Bürger-Bildungs-Salon, denn da kam noch eines dazu, der soziale Gestus, das Helfen wollen, der Wunsch, die Welt mit kleinen Taten zu verbessern. Eine Liste der kleinen Wohltaten würde einen beachtlichen babylonischen Turm ergeben, an dessen Grundmauern manche vielleicht eine Geltungssucht sahen.
Wer so vielen Menschen begegnet und so viele Begegnungen ermöglicht hat, der muss vielleicht oberflächlich sein, die Oberflächlichkeit einer tiefen Menschlichkeit und Menschliebe praktizieren. Keine Grenzen kennen und Verbindungen und Kontakte weit über Wien hinaus, nicht nur bis zum Grundlsee, sondern nach Deutschland und Dänemark, nach Amerika, in die Schweiz.
Freunde, Freundschaften pflegen und Bekannten überall dort zu wissen, wo Menschen sind. Eine sonderbare Utopie, eine sonderbare Mischung.
Dass dieses schwer zu beschreibende und fassbare Geflecht aus roten oder besser bunten Fäden besteht, die alle irgendwie verbunden sind von manchem vielleicht auch in die Nähe einer anderen internationalen und keine politischen und weltanschaulichen Grenzen kennenden Gemeinschaft nämlich die der Freimaurer gerückt werden könnte, ist tatsächlich bereits schon einmal gedacht worden: Denn der Zeichner, der sich anlässlich des 25 jährigen pädagogischen Jubiläums von Eugenie Schwarzwald mit einem Porträt samt Wappen und abgewandelten Spruch einstellte, wusste zumindest von den Werkzeugen der Freimaurer, mit denen am imaginären Tempel der allgemeinen Menschenliebe gebaut wird.
Statt dem Zirkel gibt es allerdings einen Kochlöffel, der Maßstab wird zu einem Lot und die Sonne scheint über allem. Wer keinerlei Grenzen achtet und kennt braucht sich über den Spott nicht wundern. Die Loge der Eugenie Schwarzwald ein buntes menschliches Neben- und Durcheinander.
So viel und so beliebig, so schillernd und so nachhaltig, so ungreifbar und so überraschend. Dass es unter all den Aussagen über „Fraudoktor“ eine gibt, die die Bescheidenheit in den Mittelpunkt stellt, muss angesichts der offenen und versteckten Häme oder bloß Unverständnis beruhigen.
Paul Stefan: schreibt in seinem Text Frau Doktor im Jahr 1922 „Ich wollte nur dem Dank den eine Stadt, ein Staat, mehr als das: ihre Gemeinschaft, der Frau Doktor schuldet (und leider ganz gehörig schuldig geblieben ist), meinen Ausdruck geben. Eugenie Schwarzwald schafft nicht um Dank. Sie tut es, weil sie muss, weil es kein anderer tut, weil kein anderer auch nur weiß, was doch geschehen müsste. Sie selber wird, wenngleich von aller Freude des Künstlers erfüllt, dem einzigen Lohn, den sie anerkennt, dabei immer noch bescheidener. Immer wieder gesteht sie ihre Unzulänglichkeit, immer wieder will sie lernen, immer mehr der meist einfachen Menschen, die sich an sie wenden, würdig werden.“
Ein sonderbares Leben, das noch lange nicht zu Ende ist, wenn ihre Grabstätte vielleicht verschwunden und ein Erinnerungszeichen vor ihrer Schule noch in den Sternen steht, wenn es auch keine Briefmarke gibt und gab, da die Österreichische Post sie doch als nicht so bedeutend einstufte. Eugenie lebt weil sie mit manchen Vorstellungen und Utopien noch aktuell ist. Und wie könnte dies anders dokumentiert werden als mit ihren Worten. „Erziehung zum Glück“ heißt ihr Aufsatz aus dem Jahr 1934.
„Da es kaum so etwas wie Erziehung und kaum so etwas wie Glück gibt, muss ein Titel „Erziehung zum Glück“ befremden. Es sei also gleich gesagt, dass jedes Mal, wenn das Wort Erziehung kommt, natürlich nur jener latente Einfluss gemeint ist, den die Umwelt, Eltern, Lehrer und Freunde, auf das Kind ausüben. Unter Glück aber ist der erreichbare Grad von Schmerzbefreitheit, Zufriedenheit, Heiterkeit und Beschwingtheit zu verstehen, den wir im Alltag Glück zu nennen pflegen. Zu jenem höchsten Glück, welches ausschließlich Höhenmomenten vorbehalten bleibt, braucht man ja nicht erzogen zu werden. Im letzten Jahrzehnt war das Ziel der Erziehung: Der nützliche Mensch: Der gute Staatsbürger, infolgedessen war die Jugend nichts anderes als ein Mittel zur Erreichung des reiferen Lebens, eine Art von Übergangszeit, die an sich keinen Wert hat.“
Der Schluss des Artikels wird zu einem Plädoyer für die Lebensfreude. „Wer seinem Kinde beigebracht hat, aus dem Alltag alles herauszuholen, was drin ist, wer ihm Gelegenheit gegeben hat, die „Märchen des Lebens“, wie Peter Altenberg sie nennt, zu erleben; wer es das Lied hat hören lassen, welches, wie Eichendorff sagt, in allen Dingen schläft, der hat seinem Kinde zum Glück verholfen. Sein Leben wird von tausend Freuden erfüllt sein, und es wird nicht genötigt sein von Weihnachten auf Ostern zu warten. Freude ist in Blumenkelchen zu riechen, ist im Regenbogen zu sehen, zerfließt als Erdbeere auf unserer Zunge, strömt im Rhythmus eines Tanzes durch unsere Glieder, steckt in der Lösung einer Schachaufgabe. Vor allem aber ist sie zu finden in der Freude, die wir anderen machen. Auf dieser letzteren Tatsache ist zu schließen, dass der glückliche Mensch von übermorgen nützlicher sein wird als nützliche Mensch von vorgestern.“



