Ein früher Europäer
Von Robert Streibel, am 17.6.02 um 11:04:54 Uhr.
Erinnerungen von Jakob Ludwig Heller aus dem längst vergessenen Alt-Österreich. Buchbesprechung von Robert Streibel für die "Furche"
Die Nazis haben nicht nur Menschen, sondern mit ihnen auch Geschichten vernichtet. Wenn diese Auslöschung verhindert werden konnte, so war dies in der Regel von vielen Zufällen begleitet. So war es auch mit der Geschichte der Familie von Jakob Ludwig Heller, geboren 1842 in Tepliz in Norböhmen und gestorben 1921 in Bad Vöslau. Die Geschichte dieses Alt-Österreichers wäre vergessen, denn seine Tochter und deren Mann wurden in Auschwitz ermordet. Dass seine in Kurrentschrift verfassten Erinnerungen im Jahr 1939 nach Australien geschickt werden konnten, dass die Enkelin Antonie Neumann, eine Schülerin der legendären Schule von Eugenie Schwarzwald, die bereits im Februar 1938 Österreich verlassen hatte, mehr als ein halbes Jahrhundert später sich der mühsamen Arbeit der Transkription unterzog, ist ein Glücksfall. Was nun vorliegt ist ein Bericht aus einer anderen Welt, unspektakulär und berührend. Die Donaumonarchie scheint für die Juden fast eine Idylle gewesen zu sein, verglichen zu dem was folgte, Geldverdienen war ein vergnügtes Spiel, die Geselligkeiten einfach, die Erziehung streng. Als Kind erlebte Heller das Revolutionsjahr 1848, als junger Mann den für Österreich sehr bedeutungsvollen Konflikt von 1866, während seiner Hochzeitsreise bricht der Deutsch-Französische Krieg von 1870 aus und als alter Herr muss er noch die Katastrophe des I. Weltkrieges ertragen. Die Geschichte ist auch die Geschichte eines hart erkämpften Aufstieges von kleinen Hausierern, die mit einem Budget von 5 Gulden in den dreißiger Jahren des 19 Jahrhunderts begonnen haben mit Messern, Kämmen und Seifen hausieren zu gehen und es innerhalb von einigen Jahrzehnten zu einem international tätigen Handelshaus gebracht hatten, mit 25 Angestellten, Commis, Lehrlingen und weiblichen Dienstboten. Nicht nur in Amerika wurden Tellerwäscher-Karrieren geschrieben, auch in Tepliz war dies möglich, denn Teplitz war der Ort, von wo aus ein Großteil der ausländischen Waren in die Monarchie versandt wurde. Nach dem Tod der Mutter ist Jakob Ludwig mit 13 Jahren das älteste männliche Familienmitglied zu Hause, wenn der Vater auf Märkten unterwegs war. Doch Jakob Ludwig Heller beschreibt nicht nur sein Leben, er erinnert sich an die Großeltern und Großonkeln, wie zum Beispiel einen Koppelmann Foges, der eines der größten Manufakturen-Engrosgeschäfte in Prag besaß, gleichzeitig ein Gelehrter des Talmud war, ein Freund der Oper und der Theater und es sich nicht nehmen ließ wenn unbemittelte Leute heirateten, ihnen die eigene große Wohnung zur Verfügung zu stellen uns selbst für die Festtafel zu sorgen. Mit 13 Jahren beginnt Heller zu Märkten zu reisen, nach Aussig, nach Linz und nach Wien, mit einem Musterkoffer um die Waren der heimischen Fabrik anzupreisen. Auf seinen Reisen wurde er erzogen, in den Hotels traf sich immer dieselbe Gruppe, die Chefs der Firmen, ihre Söhne und Angestellte, Heller war immer der jüngste und konnte sich über die väterliche Behandlung freuen. Als Zwanzigjähriger reiste er zum ersten Mal nach London. Heller ist ein weltgewandter Mann, ein Vertreter des aufgeklärten Judentums, der viel herumgekommen ist und so zu einem frühen Europäer wurde. Beiläufig, als wäre dies eine zwingende Notwendigkeit und das Natürlichste der Welt, erwähnt er von seiner Aufnahme im Freimaurerbund 1869 in der Loge „Zum schwarzen Adler“ und später nach seiner Übersiedlung nach Wien in den 70er Jahren in die Loge „Humanitas“. Ein unkonventioneller Mann, der auch bei seiner Heirat ein außergewöhnliches Verhältnis zu Frauen offenbarte. „ Auguste war gewohnt zu Hause streng nach dem elterlichen Wunsch zu handeln und brachte auch mir gleiche Gefügigkeit, ich möchte beinahe sagen Folgsamkeit entgegen. Das wollte ich aber nicht und forderte sie wiederholt auf, wenn sie mit meinen Ansichten und Wünschen nicht übereinstimmen sollte, mir dies offen zu sagen, denn ich wäre gerne bereit, mich ihrer Meinung anzuschließen, wenn ich dies richtig finden würde, aber eine willenlose Frau wollte ich nicht. Ich habe mit der Zeit dies Ziel erreicht.“
Längst vergessene Begebenheiten aus Alt-Österreich Jakob Ludwig Heller 1842-1921. Erinnerungen. Veröffentlicht von seiner Enkelin Antonie Neumann Horitschon, Novum Verlag (http://www.novum.cc) 2001 281 Seiten, brosch., Euro 23,90



