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Ausstellung: Schwarzwald und ihr Kreis

Von Robert Streibel, am 19.6.01 um 9:08:12 Uhr.

Premiere in der Volkshochschule
Nach dem Studium in Zürich übersiedelte Eugenie Schwarzwald 1901 mit ihrem Mann Hermann Schwarzwald nach Wien. Der Begründer des Volksheims Ottakring, der Historiker Ludo Moritz Hartmann bot Eugenie Schwarzwald die Gelegenheit, ihre pädagogischen Kenntnisse in der Praxis im für damalige Verhältnisse modernst ausgestatteten Volksheim auszuprobieren. „Na also, probieren Sie. Aber machen Sie sich darauf gefaßt: Zu Ihnen werden nicht viele hineingehen”, meinte Hartmann. Beim ersten Vortrag saßen „sieben ältere Männer im Saal. Das nächste Mal hatte ich 60 Schüler.” Eugenie Schwarzwald zählte lange Jahre zu den Vortragenden, wie das Plakat des Volksbildungsvereins aus dem Jahr 1913 beweist, wo sie mit einem Vortrag über Karl Spitteler vertreten ist.

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Eugenie und kein Ende
Ein Symposium in der Wiener Urania über das vergessene Bildungsprojekt Schwarzwaldschule leitete einen Prozeß des Wiederentdeckens ein. Seit 1994 treffen sich die Schülerinnen der Schwarzwaldschule in regelmäßigen Abständen in der Wiener Urania, um Erinnerungen auszutauschen und an alte Schulfreundschaften anzuknüpfen. Viele Spuren sind verschüttet und verlieren sich in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Die ehemaligen Schülerinnen leben heute in der Welt verstreut in Australien, Deutschland, Brasilien, Frankreich, Israel, Kolumbien, Mexiko, Schweden, Slowenien und den USA.
60 Jahre nach dem durch die Nazis erzwungenen Ende der Schwarzwaldschule greift die Volkshochschule Alsergrund in Zusammenarbeit mit dem Verband Wiener Volksbildung eine Idee von „Fraudoktor” wieder auf. Bis zum Jahr 1938 hat Eugenie Schwarzwald in ihrer Villa „Seeblick” am Grundlsee den unterschiedlichsten Menschen aus allen Teilen Europas eine geistige Heimat – einen Salon – geboten. In regelmäßigen Abständen sollen die „Schwarzwald-Tage – Gespräche zur Zeit” im Hotel Wasnerin in Bad Aussee an diese verschüttete Tradition anknüpfen und die Möglichkeit zur Begegnung mit Menschen und Themen bieten.

Die Schwarzwaldschule
Die Übernahme des Mädchen-Lyceums von Eleonore Jeiteles auf dem Franziskanerplatz im Jahr 1901 durch Eugenie Schwarzwald rief das Unterrichtsministerium auf den Plan. Für nur drei Jahre genehmigte das Ministerium unter Wilhelm August von Hartel (1839-1907) ihr die provisorische Leitung der Schule. Insgesamt 37 Jahre lang durfte Eugenie Schwarzwald nicht selbständig ihre Schule leiten, ihr in Zürich erworbener akademischer Grad wurde nicht anerkannt. Im Jahr 1913 übersiedelte die Schwarzwaldschule in das Gebäude in der Wallnerstraße 9. Während sich im Literatencafé Herrenhof im selben Haus prominente Schriftsteller und Künstler trafen, eroberten die Schülerinnen den Dachgarten nicht nur im Turnunterricht. „Die Schule muß versuchen, eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten.” (Eugenie Schwarzwald: Die Lebensluft der neuen Schule 1931) Langeweile war für „Fraudoktor” ein Gift, das Kindern nicht einmal in kleinen Dosen verabreicht werden darf, Fröhlichkeit sah sie als ein unentbehrliches Lebensmittel an. Eugenie Schwarzwalds Reformideen bildeten die Grundlage für Otto Glöckels umfassende Schulreform nach 1918.

"Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen"
Mit diesen Worten wurde eine Verlängerung der Lehrtätigkeit von Oskar Kokoschka an der Schule durch das Unterrichtsministerium abgelehnt. Eugenie Schwarzwald scharte prominente Männer wie Hans Kelsen, den Schöpfer der österreichischen Bundesverfassung, um sich, die zu Bündnispartnern für ihr Vorhaben, die Beseitigung der ungleichen Bildungschancen für Frauen, wurden. Der Architekt Adolf Loos gestaltete den Turnsaal und die Direktionsräume der Schule. Prof. Edmund Bernatzik, Staatsrechtler und Mitglied des k.k. Reichsgerichtes, organisierte ab 1916, als die Frauen noch nicht zum Rechtsstudium zugelassen waren, die Rechtsakademie für Frauen. Otto Rommel, der spätere Herausgeber der Werke Johann Nestroys, leitete die Schwarzwaldschule in den Jahren 1916 bis 1919. Zu den prominenten Lehrern der Frühzeit gehörten außerdem die Musiker Egon Wellesz und Arnold Schönberg.

Sommerpädagogik
Zu den für einige hundert Kinder prägenden Erlebnissen gehörten die von Eugenie Schwarzwald organisierten alljährlichen Ferienkolonien, die als Folge der Aktion "Kinder aufs Land” während des Ersten Weltkrieges entstanden. Der Harthof am Semmering war nicht nur Sommerkolonie, sondern auch eine koedukativ geführte Schule für Jugendliche von 12 bis 18 Jahre. Einer der zentralen Lehrerfiguren der Sommerpädagogik war Karl Buresch. Zu den Gästen am gehörten auch Karl Popper (rechts außen sitzend in der 1. Reihe rechts) und der spätere Dramaturg am Burgtheater nach 1945 Joseph Glücksmann (2. Reihe 4. von links).

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Das Begräbnis von Peter Altenberg
"Es herrscht eine merkwürdige tiefe Stille in dieser Versammlung, nur durch das Murmeln lateinischer Gebetworte unterbrochen, bis endlich erlösend eine Stimme ertönt, eine Edelstimme Karl Kraus, das strenge Gewissen Wiens, spricht den letzten Gruß. (…) Man fühlt es, was jedes Wort den menschenscheuen Denker kostet. (…) Er verkündet, was die Welt an Altenberg versäumt hat, was er den Besten in Wien war und was er der Welt künftig einmal sein wird. Man glaubt Kraus jedes Wort. Jeder weiß plötzlich, daß jeder gegen den toten Dichter gefehlt hat. (…) Loos, der Architekt, Altenbergs Freund und Apostel, (Loos ,gemeinsam mit Altenberg im Jahr 1918) will auf dem Grab im Gegensatz zur prunkvollen Umgebung ein einfaches Holzkreuz aufrichten. Das ist ganz in Altenbergs Sinn, der alles geliebt hat, was schön ist und wenig kostet.” (Eugenie Schwarzwald: Ein ehrliches Begräbnis, 1919)

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Der Salon von „Fraudoktor”
Den Weg durch den Hof des Hauses in der Josefstädter Straße 68 zur Wohnung von Eugenie Schwarzwald gingen viele Persönlichkeiten. Zur Salongesellschaft gehörten der ungarische Kunstmäzen Baron Lajos Hatvany , Rainer Maria Rilke bei seinen Wien-Besuchen, der Schauspieler Alexander Moissi, Egon Friedell, die Dichter Robert Musil und Elias Canetti und die Schriftstellerin Karin Michaelis. Das besondere an Schwarzwalds Salon war es jedoch, daß es ihr gelang, politisch unterschiedliche Personen an einen Tisch zu bringen. Der Bogen spannte sich von jungen Sozialisten und Kommunisten bis zu Othmar Spann, dem geistigen Vater des „Ständestaates”, der auch am „Korneuburger-Eid” der österreichischen Heimwehren mitgeschrieben hatte.

bild1: Offenes Haus in der Josefstädterstraße Den Weg durch den Hof des Hauses in der Josefstädter Straße 68 zur Wohnung von Eugenie Schwarzwald gingen viele Persönlichkeiten. Zur Salongesellschaft gehörten der ungarische Kunstmäzen Baron Lajos Hatvany, Rainer Maria Rilke bei seinen Wien-Besuchen, der Schauspieler Alexander Moissi und vor allem Egon Friedell.

Als Helene noch das häßliche Entlein war.
Für die ehemaligen Schülerinnen der Schwarzwaldschule, die bis zum Jahr 1938 bestanden hat, zählen die Jahre dort zur schönsten Zeit ihres Lebens. Zu Genias begabten Kindern zählten zum Beispiel die Schriftstellerinnen Hilde Spiel und Vicky Baum, die Schauspielerinnen Elisabeth Neumann-Viertel (auf dem Foto bei einer Schüleraufführung in der Schule) und Helene Weigel, die damals unter ihren Mitschülerinnen noch als „häßliches Entlein” gegolten hat. Die Kunsttherapeutin Edith Kramer und die Psychoanalytikerin Else Pappenheim waren ebenfalls Schwarzwald-Schülerinnen.

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Villa Seeblick
Ab 1920 war der Grundlsee ein Fixpunkt für Jugendliche, Schriftsteller, Schauspieler und Freunde. „Angenehm wird die Zusammensetzung des Publikums empfunden. Die Gäste, Angehörige aller freien Berufe, sind meist aus Österreich und Deutschland, aber auch Amerikaner, Dänen, Engländer und Schweden kommen gerne. Aus dieser Mannigfaltigkeit ergibt sich ein freundlich-bewegtes geselliges Leben, welches oft durch künstlerische Darbietungen von hohem Werte gesteigert wird”, heißt es in einem Werbeprospekt für das Sommerheim „Seeblick”, das Marie Stiasny im Auftrag von Eugenie Schwarzwald leitete. Zu den Gästen zählten der Pianist Rudi Serkin, die Schriftsteller Jakob Wassermann, Carl Zuckmayer und der Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis. (auf dem Foto mit seiner Frau Dorothy Thompson)

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„Mit Ausnahme des Mangels an guter Luft, die in die (wegen der Kälte vollkommen geschlossenen) Zimmer nicht eindringen kann, fühlt er sich in dem hiesigen Klima recht wohl, um so mehr, als man durch die hier wirksam vorgekehrte Perolinspritzen sich in einen würzigen Tannenwald versetzt glaubt. Für die Hochsaison ist auch von der Anstaltsleitung etwas künstliche Höhensonne vorgesehen. (…) Das Heim ist mit modernstem Komfort ausgestattet. Es befindet sich hier ein erstklassiges Dominospiel. Ebenso bietet das Waten im Tennisplatz eine beliebte Belustigung. Besonders aber die prachtvollen Aborte, erbaut von Grazer, dem Sacher des Klosetts, im Jahre 1926, sind eine vielbesuchte Sehenswürdigkeit. (…)” Egon Friedell an Walter Schneider 1926.