Dichter über Eugenie
Von Robert Streibel, am 19.6.01 um 13:52:59 Uhr.
Eine Schwätzerin mit den allerbesten Absichten?
Ausschnitt aus Elias Canettis Roman: Augenspiel
"… Das eher kleine Zimmer, in dem die Besucher empfangen wurden, war noch legendärer als die Frau Dr. Schwarzwald, denn wer war nicht alles schon da gesessen! Hier kamen die eigentlichen Größen Wiens und zwar lange bevor sie zu allgemein bekannten, öffentlichen Figuren geworden waren. Adolf Loos war da gewesen und hatte den jungen Kokoschka mitgebracht, Schönberg, Karl Kraus, Musil, man müßte viele Namen nennen und es ist bemerkenswert, daß sich alle die hier einfanden, deren Werk später vor der Zeit bestanden hat. Nun war es aber keineswegs so, daß auch nur ein einziger dieser Besucher das Gespräch der Frau Dr. Schwarzwald besonders interessant gefunden hätte. Sie galt als passionierte Pädagogin mit modernen, freien Tendenzen, von ihren Schülern wurde sie vergöttert, sie half manchen wirklich und erlaubte viel, aber da alles bei ihr ineinander- und durcheinanderfloß, war sie für geistige Menschen jener besonderen Art nicht nur uninteressant, sondern eher lästig. Man empfand sie als Schwätzerin mit den allerbesten Absichten, aber die, die hinkamen und die man dort traf, waren es nicht, auch waren es immer nur wenige auf einmal, man hörte und sah sie genau, sie prägten sich einem ein, als seien sie gekommen, um ihrem Porträt zu sitzen, und vielleicht usurpierte man ein wenig die Rolle des großen Porträtisten, der sie da kennengelernt und dann auch wirklich gemalt hatte …"
Zwei satirische Gedichte von Peter Hammerschlag
An eine Jugendbildnerin
Deine Ahnen hockten talmudbüffelnd
Vor Galiziens Bordell-Tavernen.
Deine Seele reckt sich sehnsuchtsschnüffelnd
Gansschmalzghettomüd nach Adelsfernen.
Nichts, was an sich gut und neu empfunden,
Kann vor deinem Wuchrergriff sich retten.
Qualschrei derer, welche falsch verbunden,
Tönt aus halbgewollten Ehebetten.
Deine Speckhand krampft sich in die Krippen
Auf der Jagd nach neuesten Idolen:
Schon der Ungebornen Hirn und Rippen
Haben Missgestalt, die du befohlen.
Keuchend vorwärtswatschelnd, rastlos immer,
Weckst und züchtest du den Schmock im Kinde,
Und des feisten Leibes morsche Trümmer
Hält Cäsarenwahn und Monatsbinde.
Wenn die Platte bis aufs letzte Stückerl
Abgespielt, wird dich kein Ehrgeiz quälen …
Tanatos dreht schon das Henkerstrickerl
Dir aus angefaulten Mädchenseelen!
Genia for ever
Es saßen die Huren, bescheiden und fein,
Und wußten nicht, was noch kam.
Die Ria, die Mia, das Elfilein,
Die Risa, Helen und Madame,
Töfftöff! kam Genia in schwarzseidnem Kleid
Per Auto durch finstere Nacht,
Und hatte vier Arme an jeder Seit
Und hatte der Mäuler acht.
Sie nahm den Pintsch der Madame auf den Schoß,
Das alte speckige Vieh,
Erzählte von Hamsun und Schnittlauchsauce,
Von Kreuzstich und Ave Marie.
Sie Volksbildungs-Freikarten mit
(Da wurden sie alle so bleich),
Sie spielte Fußball und Schnapsen und Dritt-
Abschlagen und alles zugleich.
Sie gab ihnen schwarzen und weißen Zwirn
Und jeder ein Autogramm.
Sie küßte die Mädchen spontan auf die Stirn
Und die riefen im Chor: "Fahrst scho ham?"
Sie weinte ihr Auto tränenklatschnaß
Und hat noch ein Liedchen gebellt,
Drin hieß es, und das war ihr kein Spaß:
"Ich bin nur ein Mädchen ums Geld …"
Zum Schluß sprach Madame ein kräftiges "Schmecks",
Der ganze Besuch sei nix wert,
Denn Genia hatte zwei Ham-and-eggs
Und drei Glas Soda verzehrt.
Und Franz, der Zuhälter, seufzte tief
(Der grad in der Gosse lag)
Und setzte sich hin und schrieb einen Brief:
Geehrter Herr Hammerschlag!
Es saßen die Huren, bescheiden und fein
Die Seele einer Menschenschule
Jakob Wassermann über Eugenie Schwarzwald (1925)

„Sie ist die eigentliche Seele einer Menschenschule, die, geführt im Geiste einer neuen Humanität, den staatlichen Gewalten, den beamteten Erziehern ein Dorn im Auge, ganze Jahrgänge von eigentümlich gefesteten, eigentümlich profilierten, unter Geschlechtsgenossen stets erkennbaren und im Wortsinn hervorragenden Frauen geformt und gebildet hat. (…)
Sie begegnet dem, der ihrer Hilfe bedarf, als eine von vornherein Verpflichtete, Kraft einer bewundernswerten psychischen Emanation ist sie befähigt, nicht nur den Bittenden von Rechten zu überzeugen, die wahrscheinlich nur sie allein ihm zugestanden hat. Sondern ihm auch die beruhigende Gewißheit einzuflößen, als sei sie über seine Umstände seit langem und in der zuverlässigsten Weise unterrichtet, ja, als sei es nun ein Mangel an Vertrauen und Geist seinerseits, sich nicht früher die Mühe genommen zu haben, sich an sie zu wenden. (…)
Dann die Freundlichkeit. Eine Freundlichkeit gegen die Menschen, gegen die Menschen an sich, das ist, wie ich gesehen habe, so selten wie Schönheit, wie Tugend, wie Genialität. Ein solcher Freundlicher besitzt moralische Zucht und Selbstbeherrschung (…)
Mit jedem muß sie in seiner 'Sprache reden, den Argumenten eines jeden zuvorkommen, seine kleinen Eitelkeiten ausfindig machen und schonen, sich mit seinen Interessen vergleichen, seinen vermeintlichen Ideen auseinandersetzen und ihm seine Vorbehalte abdingen. Sie muß Briefe schreiben, Ansprachen halten, telefonieren, bitten, betteln, zürnen, lachen, weinen, aufheitern, Ehrgeizige beschäftigen, Ängstliche beschwichtigen, Habgierige befriedigen, Heißsporne vertrösten, Machthaber vergewaltigen oder überlisten, Vordringliche zurückweisen, Gelangweilte ermuntern; sie lebt mit dem Zifferblatt der Uhr vor Augen und ohne zeit im Gemüt, denn sie hat keinen Tag und sie hat keine Nacht; ihr Tun ist pausenlos.(…)”



