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Der Mensch hinter Mr. Toggitt

Von Robert Streibel, am 18.6.01 um 21:56:24 Uhr.

Der Bau am Denkmal von Mr. Toggitt ist noch nicht abgeschlossen, an verschiedenen Orten der Welt wird gearbeitet: in Schweden, in Tel Aviv, in Mexiko in Kolumbien und nicht zuletzt in Wien. Die Umrisse und Dimensionen des Monuments sollen einen guten Menschen verkörpern, einen unvergessenen Lehrer. Das Denkmal heißt Erinnerung und der Mann, dem dies gebührt, hieß nur in Amerika Mr. Toggitt, da die Menschen in Übersee sich mit seinem Namen schwer taten. Wer buchstabiert schon Taglicht. Den dritten Namen, unter dem er bei allen seinen Schülerinnen bekannt war, hat er sich selbst gegeben: Herdt stand für Herr Doktor Taglicht. Ein Markenzeichen für Toleranz, ein Beispiel der Pädagogik der Schwarzwaldschule. Eugenie Schwarzwald, deren Schule in der Herrengasse über dem Café Herrenhof bis 1938 bestand, hatte in all den Jahren, in denen sie die Schule prägte, keine eigene Pädagogik entwickelt, sie hat „nur” die Schulreform eines Otto Glöckel vorweggenommen und immer wieder ein Gespür für Lehrerinnen und Lehrer entwickelt, die ihren Vorstellungen entsprachen. Ein Eckpunkt dabei war Toleranz, der Glaube an das Gute im Menschen und das Gespräch mit Schülern als gleichberechtigte Partner. Und das war nicht gerade wenig im Österreich der Monarchie und selbst noch in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Besondere Lehrer
Zu den Lehrern dieser Schule gehörten Persönlichkeiten mit klingenden Namen wie zum Beispiel Oskar Kokoschka und Hans Kelsen. Regelmäßig zu Gast waren die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis, ebenso wie Arnold Schönberg und Helmuth von Moltke. Unter jenen Lehrern, die die Schwarzwaldschülerinnen immer wieder, nennen wenn sie sich in der Wiener Urania treffen, gehört Herdt, der Neffe des Oberrabbiners in Wien, auf dessen Stundenplan in der Schule jüdische Religion stand. Herdt war eine der schillerndsten Figuren, keine Frage, es gibt nicht viele Lehrer, über zum Beispiel auch Erich Fried eine Geschichte geschrieben hat. Einen Grundstein für die Arbeit am Denkmal dieses Mannes legt zum Beispiel die ethnische Tänzerin Wera Goldmann, die dem Aufruf sich zu erinnern mit einer Tonbandkassette entsprach, besprochen in Tel Aviv an einem Sommertag kurz vor Mitternacht: „Unser Herdt- Herdt, unser Herdt: Und das Sie endlich nach ihm gefragt haben, daß da plötzlich nach ihm gefragt wurde! Er hat viele Generationen erzogen. Wir haben Herdt bekommen als ,Religionslehrer’. Herdt war ein Philosoph, ein großer Lehrer - ein Mahatma, eine große Seele.”
Wie wird ein Lehrer zu einer großen Seele? Die Klärung dieser Frage und die Annäherung kann nur an einen bereits fertigen und für die Schülerinnen alten Mann, erfolgen. Geboren 1884 als Sohn von Solomon und Kathi Taglicht war Bernhard gerade unter 50, als er seinen Auftritt in die Klassen der Schwarzwaldschule zelebrierte. Dieses Ritual beschreibt Paula Bitzberg aus Mexiko folgendermaßen: „Er war klein und schmächtig und hatte nur wenig Haare. Wenn er in die Klasse kam und nachdem sich der Pausentumult gelegt hatte, pflegte er die paar Haare, die ihm in der Mitte des Kopfes geblieben waren, aufzustellen und zu warten bis gelacht wurde. Erst dann strich er sie wieder glatt und der Unterricht konnte beginnen. Obwohl er sich mit dieser Geste über sich selbst lustig machte, nahmen wir ihn absolut ernst, wir hatten immer Respekt.” Das Eröffnungsritual ist typisch, Herdt verstand es von seiner Person zu abstrahieren, redete von sich in dritter Person und manche Schülerinnen waren sich nie ganz sicher, ob er etwas ernst meinte oder nur einen Spaß gemacht hatte. Ob er tatsächlich Religion unterrichtete, darüber gehen die Meinungen auseinander, denn das „Pünktchen und Anton” nicht im Religions-Lehrplan zu finden ist, war klar und die Unruhe in der Klasse vor einer bevorstehenden Mathematikschularbeit löste er indem er zuerst die anstehenden Probleme löste, bevor er wieder einen Abstecher zu Moses in die Wüste machte. Eva Brück, die heute in Berlin lebt: „Er hat nie doziert, er hat immer erzählt, so lebendig, daß wir das Ganze vor uns gesehen haben. Und vor allem hat er die ganzen Bibelereignisse in die heutige Zeit, also in die damalige Zeit versetzt und hat aus diesen biblischen Figuren Menschen aus Fleisch und Blut gemacht. Er hat uns durch seine Geschichten Solidarität beigebracht. Er hat überhaupt alles, was Menschlich ist, gefördert bei den Schülerinnen. Man darf nie engstirnig sein. Er hat uns Toleranz gelehrt, Solidarität, Anständigkeit, Zivilcourage, und davon hat er sehr viel gehabt, von der Zivilcourage. Das hat er ausgestrahlt.”
Die Mädchen von damals kommen beim Namen Herdt heute noch ins Schwärmen. Trude Hesse, die bereits vor dem Novemberpogrom Wien verlassen konnte, und heute in Schweden lebt, war eine glühende Verehrerin ihres Professors. „Ich habe unten vor der Schule am Eck gewartet, bis er heruntergekommen ist mit dieser riesig schweren Tasche, und die habe ich ihm sofort abgenommen, und dann bin ich mit ihm selig marschiert durch die Rotenturmstraße hinüber, über die Brücke. Er hat in der Schwarzgasse im 2. Bezirk gewohnt. Dann bin ich nach Hause geschossen in die Annagasse, damit niemand merkt, daß ich zu spät komm’, sonst hätten sie gesagt, du bist ja verrückt.”
Die Erinnerungen an die Schule und den Lehrer gehören bei Trude Hesse zum Besten, was ihr von Wien geblieben ist. „Er war unser Seelenfreund.” Die Szene, als der Lehrer mit einigen Mädchen den Prater besucht, sieht sie heute noch vor sich als ob es gestern gewesen wäre. „Wir haben uns immer gewünscht, daß er mit uns am Abend weggeht. Einmal waren wir im Prater, da ist es spät geworden, wir sind nach Hause gegangen am Kai. Das Kaffeehaus war schon geschlossen, die Stühle sind draußen gestanden. Wir haben Luftballons gehabt, und sind dort gesessen mit ihm im Finstern, in einem leeren Kaffeehaus, und haben ihm alles erzählt, und er hat uns zugehört und manche privaten Probleme gelöst. Glücklich sind wir nach Hause gegangen.”
Wenngleich von einer traditionellen Frömmigkeit nichts zu merken war, hat Prof. Taglicht den Schabatt geehrt. „Am Samstag durfte er kein Geld in die Hand nehmen. Er hat aber sehr viel geraucht. Eines Samstags hat er das Portemonaie aufgemacht und gesagt: ,Bitte sei so gut und nimm das Geld heraus und kauf’ mir Zigaretten, weil ich das heute nicht tun darf”.
Was es heißt, die biblischen Geschichten als Wegweiser für das Leben zu definieren, erläutert Wera Goldmann am Beispiel der Pessachfrage: „Also Pessach kommt heran und es handelt sich um so ein Pack von Menschen, die dem Moses in der Wüste nachgehen und sofort ist da trouble, nichts ist Okay, nichts ist denen recht, sie wollen zurück nach Ägypten, wo es keine Probleme gibt, aber Fleischtöpfe. Sie machen dem armen Moses das Leben schwer und unser Herdt stellt uns eine Hausaufgabe: Was ist schwerer anzuführen? Eine Gruppe von Sklaven oder eine Gruppe von freien Menschen?” Wichtig ist der freie Intellekt, der geschmeidig bleibt, und offen in seinem Denken. So ausgerüstet stellt Unvorhergesehenes nur eine Herausforderung dar. „So haben wir etwas gelernt. Ich habe es nie vergessen und ich habe es weitergegeben, in verschiedener Beziehung. Helle sein, aufmerksam sein, der Gegenwart zugewandt und dem Augenblick.”
Herdt: Eine Verklärung in mehr als fünf Akten mit vielen ungewissen Größen, ein Puzzle aus Erinnerungsfragmenten. „Eine Schülerin hat ihn als alten Mann mit einem Butterbrot im Central Park sitzen gesehen”. Und da sind dann noch die Karikaturen, die Trude Hesse während des Unterrichts gezeichnet hat. Sie weiß nur, daß er sie mit nach Amerika genommen und damit sein Zimmer tapeziert hat. Fast genau 25 Jahre nach Taglichts Tod 1964 tauchen sie wieder auf, zeigen einen Junggesellen, der sich mit dem Sockenstopfen müht, in einer Wohnung, die von Büchern beherrscht wird und auf dem Kamin das Leibgericht: Grieskoch. Auf dem Boden eine unorthodoxe Mischung: die Ilias, Edgar Wallace, Psalmen und sein Lieblingsbuch von Edmond Floeg: Der kleine Prophet.
Für eine richtige Geschichte des Menschen hinter dem Namen Mr. Toggitt ist es zu spät, das Denkmal muß schemenhaft bleiben, daran kann auch die Geschichte von Erich Fried nichts ändern, denn die Fakten zu dieser Geschichte können nicht nachgeprüft werden.
Erich Fried nennt seine Erzählung über den Professor der Schwarzwaldschule, wie könnte es anders sein: „Herdt.” Wir treffen auf einen eingefleischten Junggesellen, der ein Teil seines Gehaltes für humanitäre Hilfe verwendet. Doch seine Ansichten von Nächstenliebe waren ungewöhnlich. Obwohl er mit den verbotenen Sozialdemokraten sympathisierte, hatte er „sich die Pflicht zur Nächstenliebe so zurechtgelegt, daß man bei der Hilfe für ihrer Gesinnung wegen benachteiligte Menschen nicht danach fragen dürfe, ob man selbst mit dieser Gesinnung übereinstimme”, so Erich Fried. Die Wahl fiel auf die Familie eines nach Deutschland geflohenen Nazis, Mitglied der Österreichischen Legion. Ein Schnitt. Im Novemberpogrom wird Taglicht verhaftet. Der Uniformierte, der ihn verhört, stutzt: „Sind Sie der Mann, der meine Frau drei Jahre lang unterstützt hat?” Das Angebot für Taglicht in dieser Nacht lautete: „Ich kann Sie und elf andere freilassen.” Angeblich hat Herdt verhandelt, er wollte mehr: „Aber könnten Sie nicht auch noch einen Zwölften an meiner Stelle freilassen? Ich würde lieber Schicksal der Mehrheit teilen.” Der Nazi blieb hart und Taglicht kam frei.
Lore Lisbeth Waller, die in die Czechoslowakei ausgewandert war und heute in Los Angeles lebt, erinnert sich an einen Brief von Taglicht, in dem er sie bat, ihm bei der Einreise in die Czechoslowakei zu helfen. „Mir gelang es Gott sei Dank nicht. Er wäre nur vom Regen in die Traufe gekommen.” Taglicht glückt die Ausreise nach Amerika. Die Verbindung zu den ehemaligen Schülerinnen reist nicht gänzlich ab und als Johanna Frankenbusch, die Tante einer Schülerin 1949 über Schanghai in die USA kommt, geht es darum, einen Weg zu finden, damit sie Staatsbürgerin werden kann. Der eingefleischte Junggeselle Taglicht heiratet sie. Der Film „Green Card” mit Senioren als Hauptdarsteller und einem Happy End. Taglicht heiratet: unvorstellbar für alle, die ihn gekannt haben. „Aber das hat sich dann als eine späte Liebe herausgestellt”, meinte Hedi Levenback. „Die Tante hat mit Stickerei und Gobelins den Lebensunterhalt verdient. Sie haben im Viertel der Emigranten gelebt und er hat bis zum Schluß seine „playfulness” nicht verloren.”
Die umfangreiche Bibliothek hat Hedi Levenback einer amerikanischen Universität vermacht, einige Bände zum Beispiel von Charlotte Bühler hat sie sich behalten. Die zehn Bände von Simon Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes” hält Eva Dukes in New York in Ehren, die auch eine andere Tradition ihres Lehrers fortsetzt. „Er unterstützte ein jüdisches Waisenheim für Mädchen in Jerusalem und so schicke ich ihnen auch jährlich eine gewisse Summe.” Auch so kann am Denkmal für Herdt weitergebaut werden.