
Der Wiener Stadttempel
1. ZUR BAUGESCHICHTE
Um 1810 wurde über Initiative einiger jüdischer Familien
- Arnstein, Eskeles, Bidermann - das Areal des sogenannten "Dempfingerhofes" angekauft und einige Räumlichkeiten für religiöse Zwecke entsprechend adaptiert. Nach etwa einem Jahrzehnt erwiesen sich die Räumlichkeiten als baufällig und für die ansteigende Personenzahl als zu klein. Joseph Kornhäusel (1782-1860), zur damaligen Zeit ein überaus prominenter Architekt, wurde mit der Neugestaltung beauftragt. Kornhäusel war von seinen Auftraggebern nur an wenige Vorgaben gebunden:
- Fassade mußte nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen von außen wie ein übliches Haus gestaltet sein, die Synagoge durfte von außen nicht als solche erkennbar sein.
- Lokalisierung von Thoraschrein und Bima in östlicher Ausrichtung - Richtung Jerusalem
- Einbau der Frauengalerie.
Die Gestaltung des Innenraumes erfolgte im zeitgenössischen Festsaalcharakter, Elemente verschiedener Baustile verschmelzen ineinander. Klare architektonische Gliederung des Raumes, der nach außen fast vollkommen abgeschlossen scheint.
Thoraschrein: Einbauschrank, mit vergoldeten Holztüren verschlossen, von einem Vorhang bedeckt.
Bereits Ende des 19.Jhs wurden erste Umbauarbeiten durchgeführt. So wurden u.a. die Frauengalerie erweitert, die Beleuchtungssituation dem neuesten technischen Stand angepaßt und die Kuppel mit den Sternenradien versehen.
Einzige Synagoge Wiens - von ursprünglich mehr als 90 -, die in der sogenannten "Reichskristallnacht" im November 1938 nicht in Brand gesetzt wurde, um angrenzende Gebäude nicht zu gefährden und so erhalten geblieben ist. Wenige Monate nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft wurden im Herbst 1945 in der provisorisch renovierten Synagoge wieder Gottesdienste abgehalten. Eine Generalsanierung erfolgte 1963. Die bislang letzte Renovierung, bei der u.a. geringfügige Änderungen in der Platzierung der Bima durchgeführt wurden, fand 1987/88 statt.
Salomon Sulzer 1804-1890: Prägte Gottesdienste im Wiener Stadttempel als Kantor. Sulzer wird von vielen als "Vater der modernen Synagogenmusik" bezeichnet.
2. DATEN ZUR GESCHICHTE DER JUDEN IN WIEN
Bis zum 19.Jahrhundert war die Ansiedlung für jüdische Familien nur über Erlaubnis durch den Landesfürsten möglich. Das Schicksal der ansässigen Juden war über Jahrhunderte vom Wechsel zwischen Ansiedlungserlaubnis und Vertreibung geprägt.
Das Toleranzpatent - 1782 durch den Habsburger Joseph II erlassen - gestattete die freie Religionsausübung, ein erster Schritt zur rechtlichen Gleichstellung, die endgültig 1867 durch die Verankerung der Glaubensfreiheit im Staatsgrundgesetz durchgesetzt werden konnte.
Ab Mitte des 19.Jh.: Immigrationsbewegung aus den östlichen Reichsgebieten der Monarchie - Galizien, Bukowina - in die Reichshauptstadt Wien. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung ist ein Ansteigen des Antisemitismus, zunächst wirtschaftlich motiviert, später bereits aufgrund rassistischer Vorurteile, zu verzeichnen.
In Wien wurde das kulturelle Leben der Jahrhundertwende - Fin de siècle - in überaus beeindruckender Weise von Menschen geprägt, die Juden oder jüdischer Herkunft waren. Theodor Herzl 1860-1904, Sigmund Freud 1856-1939, Arthur Schnitzler 1862-1931, Gustav Mahler 1860-1911, um nur einige wenige Vertreter dieser Epoche zu nennen, hatten hier ihren Wirkungs- und Schaffensraum.
Bis 1938 stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung auf ca.180000 an - 10% der Gesamtbevölkerung Wiens.
März 1938 - "Anschluß" an Hitlerdeutschland und Beginn der Verfolgungsmaßnahmen mit unglaublichen Auswüchsen. So wurden Juden z.B. gezwungen, mit Bürsten die Straßen und Gehsteige zu waschen. Verzweifelt bemühten sich viele, ein Exilland zu finden; wer zunächst in westeuropäischen Staaten Zuflucht gefunden hatte, wurde wenige Zeit später von Hitlerdeutschland erneut überrannt. 65 000 Juden aus Österreich wurden Opfer der Shoah.
1945: bei der Kultusgemeinde wurden ca. 5000 Personen registriert. Zumeist waren dies Juden, die in sogenannten "Mischehen" durch den nichtjüdischen Partner geschützt überlebt hatten. Knapp 1000 Juden konnten mit Hilfe von "Gerechten" als U-Boote die Zeit der NS-Herrschaft überdauern.
2005: ca. 7000 Personen sind in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien registriert.
Zahlreiche ImmigrantInnen aus den Ländern der ehemaligen UdSSR haben sich für Wien als ihre neue Heimat entschieden. Dieser Entwicklung wurde mit dem Bau eines eigenen Kultur- und Kommunikationszentrums Rechnung getragen. Jährlich finden jüdische Kulturwochen im Rahmen der Wiener Festwochen statt, das jährliche „Straßenfest“ dokumentiert die Vielfalt jüdischen Lebens in Wien. Die „Jiddische Theaterwoche“, die vom Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung seit 1994 organisiert wird, sowie zahlreiche andere kulturelle Veranstaltungen versuchen die durch die grausamen historischen Geschehnisse in Vergessenheit geratene Literatur und Musik zu vermitteln.
Mag. Brigitte Ungar-Klein


