Ein Besuch von Harold Basser in Wien nach 67 Jahren
Mai 2005, Robert Streibel
Es regnet in Strömen, aber Schönbrunn ist trotzdem auch aus dem Autofenster zu erkennen. Jetzt weiß ich erst, warum jedes Haus von Dir gelb gestrichen war. Eine Einsicht wie ein Schnitt mit einem Seziermesser, dass alles plötzlich offen legt. Gelb ist nicht unbedingt eine gebräuchliche Farbe in den Vereinigten Staaten um sein Haus zu streichen, doch für Harold Basser war es die einzige Farbe. Alles was mich ausmacht ist aus Wien, alles was mir etwas bedeutet, hat mit Wien zu tun. Wenn man etwas so liebt, braucht es seine Zeit, bis man darüber hinwegkommt, verstoßen worden zu sein. Bei Harold Basser, dem Bauingenieur und Architekten hat es 67 Jahre gedauert. Nicht ganz ein Jahr nach dem Tod seiner Frau besucht er mit seiner Tochter Wien. Nicht als Tourist, sondern auf den Spuren der Vergangenheit.
Für Barbara, die Tochter, die als Investmentbankerin in New York gearbeitet hat und sich zur Betreuung der kranken Mutter ein Sabatical genommen hat, ist Wien keine fremde Stadt, sie ist mit Wien aufgewachsen, wenn auch nicht in Wien. Von der Sprache bis zu den Mehlspeisen ist ihr alles vertraut, wenn es auch nicht leicht ist dem süßen Geschmack a la Österreich in New York zu frönen. Da die Elterngenerationen auch die entsprechende österreichische Mischung aus ungarischen und tschechischen Vorfahren hatten, geht es hier nicht nur um die Sacher-, sondern auch um die Doboschtorte. Die Eltern sprachen Deutsch immer dann, wenn sie wollten, dass die Kinder etwas nicht mitbekommen. Doch die Geheimsprache war bald für die Kinder kein Problem und so wechselten die Eltern in Wienerisch, doch auch der Dialekt bot bald keine Sicherheit.
So kann Barbara heute alles verstehen. Auch die Scherze des Kellners im Plachuta mit den Mazzesknödeln. So sind die Wiener, für den Vater dämmert hinter diesem Schmäh das Bedrohliche, das Gefährliche: die Ausgrenzung. Die Liebe zu Wien ist groß, doch das Sensorium geschärft. Warum muss der Kellner so einen Witz machen? Würde die Begegnung in der Stadt neben den Bauwerken und den Spuren der Vergangenheit nur aus derartigen zufälligen menschlichen Bemerkungen am Rande bestehen, würde ein Puzzlestein bald ins gefertigte Bild passen. Welche andere als zufällige Begegnungen sollte geben. Wir haben hier nur mehr Grabsteine, um die können wir uns kümmern.
Jeder trägt seine Landschaft der Kindheit mit sich herum. Das Gelb von Schönbrunn war es für Harold Basser, der Wienerwald für Susi Basser seine Frau, die in der Lainzer Straße 162 aufgewachsen ist. Im Garten stand eine riesige Platane so groß, dass mehrere Kinder nötig waren um den Kreis zu schließen, der Garten in der Rückseite ist lange schon beschnitten und ein Neubau erfordert viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es früher gewesen sein könnte.
Die Kastanien blühen, in der Kupelwiesergasse, in der Larochegasse. Auf dem Weg in die Schule in der Wenzgasse ist das Blätterdach dicht. Jeder Garten sollte für Susi Basser ein Stück Wienerwald sein. Das ist in Ordnung ist zu einer Redewendung geworden, die auch im Englischen seine Heimat hatte. In Ordnung war nichts und wenn dann in Kleinigkeiten.
Harold Basser besucht Hietzing und dort war er schon 70 Jahre lange nicht mehr. Als Ringträger bei der Hochzeit von Stella Hershan hat der die Synagoge in der Eitelbergergasse betreten. Für dieses Fest seiner Tante bekam er extra einen Hut und der hat gejuckt und das Gefühl hat er heute noch, dafür muss er nicht zum Denkmal für die zerstörte Synagoge kommen.
Solange ist er nicht durch die Straßen Wiens geschlendert, dass ein Besuch in einer Volkshochschule auf dem Programm steht ist für die Bassers nicht verwunderlich, denn nach seiner Pensionierung gibt Harold Kurse für die Universität über Nietzsche, über Kafka, über Philosophie, für den Harvard Club in Massachusetts und in Arizona. Darüber erzählt er im Kurs Easy Konversation in der Volkshochschule Hietzing. Aus dem kurzen Hallo � um einfach einen Eindruck von der Lernatmosphäre zu bekommen - wurde mehr als eine halbe Stunde. Fragen und Antworten. Kein böses Wort, Interesse wie er selbst Englisch gelernt hat, über sein Leben, die Flucht, die Liebe zu Wien, seine Unterrichtstätigkeit.
Es tut ihm leid, einem 15jährigen Buben, der ihm im Zuge eines Projektes geschrieben hat, hat er nicht geantwortet, er war noch nicht so weit um über die Vergangenheit zu reden und zu schreiben. Einiges hat sich nach dem Besuch von Wien verändert, ein neues Bild und vielleicht stimmt am Ende mancher Satz nicht mehr zur Gänze. Wir haben hier nur Grabsteine, da wäre vielleicht noch die CD mit der Aufnahme des Großvaters, der als Kantor Josef Basser um die Jahrhundertwende europäische Bedeutung hatte und da wären noch Begegnungen und Bekanntschaften.



