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Eckstein, Siegmund

Zu Besuch bei Siegmund Eckstein

Ich wurde am 25.12.1911 von sekular jüdischen Eltern geboren. Ich begann die erste Klasse Volksschule in Lehndorf, NÖ, mit Griffel, Tafel und Schwamm. Wir hatten eine Wirtschaft in Posselsdorf, Post Hötzelsdorf. Nach einigen Jahren übersiedelten wir in eine andere Wirtschaft in Felsenberg, Post Neu Pölla, NÖ, beide Orte im Waldviertel. Ich ging eine kurze Zeit in die Volksschule in Neu-Pölla. Nach einiger Zeit verlor mein Vater beide Besitzungen. Ich nehme an, durch unglückselige Spekulationen und Betrug von Personen, denen mein Vater vertraut hatte. Dies wurde in unserer Familie niemals besprochen und weder mein Bruder, noch ich hatten eine genaue Ahnung des Geschehens. Wir kamen nach Wien undlebten dort in gemieteten Zimmern, machten Schulden um das tägliche Leben zu bestreiten. Ich muss hier erwähnen, daß mein Vater ein sehr gebildeter Mann war, aber zu schwach um sich im Leben durchsetzen zu können.

Ich verliess die Bürgerschule mit dreizehn Jahren und ging als Laufbursch zu arbeiten, um wenigstens etwas zu unserem Lebensunterhalt beizutragen. Wir hungerten viel und oft. Ich erinnere mich an diverse Greissler, die uns den Kredit stoppten, weil wir die angehäuften Schulden nicht bezahlen konnten. Es war eine sehr schwere Zeit, so wanderten wir von einem möblierten Zimmer zum zweiten. In den zwanziger Jahren, ich weiss die genaue Zeit nicht mehr, landeten wir in der Reinlgasse in einem Zimmer. Nach kurzer Zeit kam das ersehnte Wunder. Wir bekamen eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Meiselstrasse 69. Ein Gemeindehaus eines der ersten, erbaut in 1923 oder 1926. Es war das grösste Glück, daß uns jemals zugestossen ist. Eine eigene Wohnung für uns allein, es war unfassbar. Obwohl unsere wirtschaftliche Lage sich nicht verändert hatte und ein Zimmer und Küche für vier Leute etwas klein war, waren wir sehr glücklich.

Ich verliess meine Laufbursch-Karriere und ging als Praktikant in ein Pelzgeschäft am Lugeck, offiziell eingeschrieben beim Gremium der Wiener Kaufmannschaft. In dem Geschäft wurde ich nicht weniger ausgenützt als früher. Jedoch da war ein riesiges Plus. Einen Nachmittag in der Woche musste man mir freigeben, um die Kaufmännische Fortbildungsschule zu besuchen. Die war damals im Handelsakademiegebäude in der Akademiestrasse. Für mich war das ein grosses Glück, da ich immer bereute, daß ich die Schule verlassen hatte und keine formelle Bildung aufweisen konnte. Diese Reue begleitete mich fast mein ganzes Leben. Ich versuchte diesen dunklen Punkt in meinem Leben zu überkommen, durch furioses Lesen von Büchern. Ich las jede freie Minute, alles was mir als Literatur unter die Hände kam.

Der Inhalt solcher Bücher war mir meistens fremd und unverständlich, aber ich fand grossen Gefallen an Wörtern die ich nicht kannte und Satzstellungen die ich bewunderte. Ich erinnere mich, daß mein Vater einmal ein dickes Buch las. "Die konventionellen Lügen der Menschheit" von Max Nordau. In seiner Abwesenheit las ich es auch und hatte keine Ahnung über den Sinn des Inhalts. Erst viel später, wenn ich nachdachte über das Gelesene, kam es mir zu Bewusstsein wie analytisch dieses profane Thema in diesem Buch behandelt wurde. Mein Vater erkannte früh meine Liebe zu Büchern und wenn immer er konnte, brachte er mir Bücher, die mehr zu meinem Alter und meiner bescheidenen Bildung passend waren.

Hietzing
Nun bin ich ein Hietzinger. Immer wenn mich jemand fragte, wo ich wohne, sagte ich Hietzing, weil dort die besseren Leute wohnen. Ich sagte niemals Breitensee. Ich schämemich noch heute über meine damalige infantile Bedeutungssucht. Der Platz gefiel mir. Trotz der kleinen Wohnung und der wirtschaftlichen Lage schöpften wir Hoffnung. Alles erschien viel freundlicher und man konnte manchesmal wirklich vom Herzen lachen. Das erste Zeichen der Hoffnung kam, wenn mein Bruder einen Posten als Beamter in der Niederlassung einer schwedischen Gummifabrik bekam. Vom ersten Gehalt gingen wir zum Trödelmarkt und kauften einige alte gebrauchte Möbel. Mit den neuen Nachbarn gab es keine Probleme. Wir grüssten höflich und sie grüssten zurück. Als erstes ging ich zur S.A.J. in der Diesterweggasse und schrieb mich ein als Mitglied. Die Atmosphäre dort gefiel mir. Es waren dort junge Menschen in meinem Alter und von einem ähnlichen Millieu, Lehrburschen, Hilfsarbeiter. Es wurde meistens über die Arbeit gesprochen oder über verschiedene Tageereignisse. Niemals hörte ich irgendeinen Hinweis, daß ich Jude bin. Ich machte viele Freunde.

Wir hatten viele Vorträge, nahmen teil an politischen Versammlungen oder Demonstrationen, aber diskutierten sehr wenig über eine sozialistische Ideologie. An Sonntagen fuhren wir sehr oft in die Lobau oder nach Mauer zur Hohen Wand. Ich erkundigte mich sehr diskret über eine eventuelle Fortbildung und wurde an die Volkshochschule Ottakring verwiesen. Ich glaube nicht, daß es damals eine Volkshochschule in Hietzing gab. Ich sagte sogar nie meinen besten Freunden, daß ich auf der Suche nach Bildung war. Ich hatte Angst, daß man mich als Snob betrachten könnte. Ich belegte einige Kurse. Ich kann mich heute nicht recht erinnern welche, aber sie gaben mir nicht viel und ich war genötigt aufzuhören, schon aus finanziellen Gründen. Ich fand eine Annonce in einer Zeitung über einen Konversations Zirkle für Fortgeschrittenes Englisch, auch dort scheiterte meine Teilnahme an den erforderlichen finanziellen Beitrag. Es war eine Privatfamilie, deren Umgangssprache Englisch war.

Sie hatten ungefähr 4-6 Leute, die zweimal wöchentlich zusammenkamen und jedesmal ein anderes Thema besprachen. Ich schämte mich nicht und sagte denen die Wahrheit, daß ich mir es leider nicht leisten kann. Sie sagten mir dann, daß ich auch ohne Beitrag willkommen bin, da einer mehr zum Benefit aller sein konnte. Ich war überglücklich. Ich ging weiter in den "Verein" wie ich die S.A.J. nannte. Das Problem war jetzt, wie alles, in einen Tag hereinzupacken. Ich war sehr beschäftigt. Mein Vater besorgte mir ab und zu Bücher über Themen, die meiner bescheidenen Intelligenz entsprachen und oben darauf wurde ich noch zum Bildungsfunktionär der SAJ gewählt, obwohl ich niemandem anvertraute, daß ich mich weiterbilden wollte. Ich arrangierte kleine Vorträge und Exkursionen und hatte folglich nie Zeit für mich, um Büchder zu lesen. Ich las in der Nacht bis um ungefähr 2-3 Uhr morgens und kaufte mir Kerzen, um Elektrizität zu sparen.

Zu dieser Zeit fand ich eine Anzeige in einer Zeitung, wo ein Beamter für die Expeditions-Abteilung in einer Fabrik gesucht wurde. Ich sandte mein Gesuch ein und kurze Zeit später bekam ich eine Antwort, mich vorzustellen. Es war eine grosse Fabrik für Herrenwäsche und Krägen, wie sie damals modern waren. Ich wurde interviewed von einigen höheren Beamten und dann ins Büro der Prokuristin geleitet. Eine ältere Dame die mich über mein Privatleben, Herkunft usw. fragte. Sie teilte mir mit, daß sehr viele Gesuche einlangten und alle zu einem Graphologen zur Beurteilung gesendet werden. Meine Handschrift bekam den besten Bescheid und ich wurde angenommen. Mein Stolz dieser Tage hatte keine Grenzen. Ich wurde zum Leiter der Abteilung gemacht und verblieb dort bis zur Arisierung. Die Jüdischen Beamten wurden alle abmarschiert und zwar vor dem Fabriksausgang bildeten einige Arbeiter und nichtjüdische Beamte ein Spalier und die durchgehenden Juden bekamen Fusstritte und Ohrfeigen, nicht schwer aber doch.

Ich hatte noch immer keinen Marschbefehl und war für einige Tage der einzige Jude bei der Arbeit. Endlich kam der erwartetet Befehl. Das Spalier formte sich und ich dachte nach, ob ich nicht zurückschlagen sollte. Es war ein Wunder, anstelle der Schläge drückten mir viele die Hand, klopften mir auf die Schulter und wünschten mir Glück. Ich sah sogar einige junge Mädels an der Seite, die weinten. Zu Hause besprachen wir die neue Situation und erwarteten die Delogierung. Ein oder zwei Freunde kamen und wir machten sie aufmerksam, daß wir uns nicht mehr treffen konnten, wegen der neuen Verordnungen. Die größten Probleme hatte ich mit meinen verschiedenen Freundinnen, wie ich denen sagte, daß ich das Land verlassen muß. Eine drohte mir mit dem Rassengesetz der Rassenschande, bis ich sie aufmerksam machte, daß die Strafe auch sie betrifft.

Die Flucht
Mein ehemaliger Boss, der Eigentümer der Fabrik, hinterliess in unserer Wohnung ein grosses Kuvert, das eine riesige Summe Geld enthielt, mit einem furchtbar rührigen Brief, ich sollte das Geld benützen zur Flucht für mich und meine Familie.

Ich bin zweimal geflüchtet. Einmal nach Belgien, verhaftet in Antwerpen um deportiert zu werden. Die beiden Flüchte waren der dunkelste Teil meines Lebens mit einem verunglückten Selbstmordversuch im Gefängnis aus Verzweiflung und Verlust meines Selbstwertgefühls, das sich noch bis heute wie ein roter faden durch mein Leben zieht. Es gelang mir in Aachen in einer Nacht von einer SS Sammelstelle für Deportationskandidaten zu flüchten und teils zu Fuss, teils mit Bahn nach langer Zeit wieder Wien zu erreichen und mich zu verstecken, bis ich einen Transport mit einem Donaudampfer bis zum Schwarzen Meer und dann mit einem halb zerbrochenen Schiff illegal Palästina erreichte. Meine Eltern wurden als eine der letzten Juden von Wien nach Riga deportiert und dort ermordet.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldete ich mich zum Englischen Militär. Mit Hilfe meines perfekten und akzentfreien Englisch und falschen Personalangaben wurde ich akzeptiert. Damals wurden noch keine Juden aus Palästina angenommen. Ich meldete mich freiwillig zu einer Einheit, die nur Freiwillige akzeptierte, weil nicht viele von denen am Leben blieben. Ich versuchte mein Selbstwertgefühl zurück zu bekommen. Ich erlernte das Fach der Entschärfung von Zeitbomben, Blindgängerminen und andere Kriegsspielzeuge. Ich war in diesem Fach zwei Jahre tätig und dann transferierte zur Special Investigation Branch der Militärpolizei, wo ich mir einen sehr guten Namen machte und endete meine Karriere bei den Engländern nacht acht Jahren Service als Chief Special Investigator der Military Police für die Dodecanese Inseln (14 Inseln) bis zur Rückgabe an die Griechische Regierung.

Alle meine Auszeichnungen, Medaillien und andere Belobigungen aus dieser Zeit sind heute im Archiv der Israelischen Armee in der Abteilung für "Jewish Contribution in World War II". Ich war nicht mehr so jung und es kam die Zeit eine Familie zu gründen, anstelle der, die ich verloren hatte, eine Existenz und ein Heim zu finden. Ich begann zu glauben, daß ich einen Schutzengel habe, denn alles gelang mir, jedoch das Loch in meiner Seele verblieb. Nach 25-jähriger Tätigkeit als Abteilungsleiter einer Amerikanischen Airline in Israel ging ich in Pension und suchte etwas, um meine freie Zeit nützlich zu verbringen. Ich dachte an meine Jugendambition Bildung, nun war die Zeit vielleicht etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Ich wendete mich an die Unviversität in London, ob sie bereit wären, mich für ein Ph.D. in Business Administration als external Student zu akzeptieren. Nun begann eine sehr langwierige Korrespondenz. Sie verlangten akademische oder pre-akademische Kredite für so ein Unternehmen, die ich nicht hatte.

Ich verwies auf meine 25-jährige Tätigkeit in diesem Fach, was scheinbar auch nicht genug war, dann erinnerte ich mich, daß ich während meiner Berufstätigkeit Kurse in der Airline-Akademie in Kansas-City in Amerika 23 mal absolvierte und das meine Arbeit in diesen Kursen immer excellent benotet wurde. Ich hatte noch nichts vernichtet und sandte alles ein. Ich wurde akzeptiert. Die Lernanforderungen waren fast unüberbrückbar. Ich bekam nur Kopien der Vorlesungen zugeschickt und das Pflichtlesematerial war hier manchesmal nicht verfügbar und ich musste auch die aus dem Ausland bestellen. Nach vielen Jahren, die sehr kostenvoll und nervenaufreibend waren, wurde ich verständigt, eine Thesis vorzubereiten über Computerisation eines Export-Büros. Meine Antwort ich hatte keine Ahnung von Computern, die waren zu meiner Zeit nicht in unseren Büros. Ich schlug vor zu schreiben über NEW ASPECTS OF PHYSICAL DISTRIBUTION.

Das war mehr meiner angelernten Fachkenntnis entsprechend. Mein Vorschlag wurde einem Komitee vorgelegt und akzeptiert. Ich schrieb 64 Seiten mit allen möglichen Charts und Statistiken, um zu beweisen die Vorteile des neuen Aspekts. Ich wurde eingeladen im Januar 1986 nach London zu kommen, zur festlichen Übergabe der notwendigen Dokumente und das Diplom als Ph.D. specialised in Business Administration. Wegen Krankheit meiner Frau, konnte ich nicht verreisen und bekam alles per Post mit einem sehr schönen Brief des Dekans, der mir mitteilte, daß ich der allerbeste Student war, den sie jemals hatten.