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Epstein-Jeremias, Trude

Sehr geehrte Frau Trude Epstein-Jeremias!

Anlässlich des 100. Geburtstags der Wenzgasse möchten wir, meine Klasse die 5C - und ich, über die Schulgeschichte recherchieren. Und über "A Letter to the stars II" haben wir anhand der alten Schülerkataloge ehemalige Schülerinnen der Wenzgasse, die aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung in andere Länder ausgewandert sind, herausgefunden. Sie sind eine davon. Nun versuchen wir zu diesen Frauen Kontakt aufzunehmen, damit sie uns berichten können, wie diese mit der Emigration verbundene Lebensveränderung für sie war. Sie, Frau Epstein- Jeremias, möchte ich auch fragen, wie Sie die Wenzgasse damals erlebt haben, falls sie sich noch daran erinnern können. Aber zunächst möchte ich Ihnen etwas über die Schule, wie sie jetzt ist, erzählen, damit Sie einen Eindruck davon bekommen, was sich verändert hat. Seit 1976 dürfen auch Knaben in der Wenzgasse zur Schule gehen. Das hat laut Lehrern, die beide Phasen erlebt haben, die Atmosphäre verändert, aber es ist auf jeden Fall ein Vorteil für alle. Als Schultyp wurde vor etwa 40 Jahren das Naturwissenschaftliche Realgymnasium eingeführt, für das sich immer mehr Buben als Mädchen melden. Im Neusprachlichen Gymnasium ist es umgekehrt, diesen Schultyp wählen mehr Mädchen als Buben.

Und dann gibt es noch das Wirtschaftskundliche Realgymnasium, das aus der ehemaligen FOS (= Frauenoberschule) entstanden ist und in das etwas mehr Mädchen gehen als Buben. Nun zum Schulhaus: Die beiden Trakte, die es bereits zu Ihrer Zeit gab, stehen immer noch, nicht aber jener Teil der 1964-1670 gebaut wurde und 20 Jahre später wieder abgerissen wurde. An seiner Stelle wurde ein neuer Trakt errichtet, welcher in der Art moderner Architektur gestaltet ist, wie auf dem Foto 1, das ich Ihnen mitschicke, zu sehen ist. Es zeigt eine hohe Glaswand, die den alten mit dem neuen Teil verbindet. Im Erdgeschoß befindet sich die bei den Schülern sehr beliebte Aula, das Buffet, die Bibliothek und der Mehrzwecksaal, der für den Musikunterricht, aber auch für Theateraufführungen genützt wird. Das Grundstück nebenan wurde ca. 1965 gekauft und es wurde darauf ein Turnsaal und ein Sportplatz mit einer 200m Laufbahn darauf errichtet (Foto 2) Dann wurden natürlich auch WC-Anlagen und Werksäle für Knaben errichtet. Dieser Umbau ereignete sich von 1990-1995 unter der Leitung von Frau Hofrat Prof. Edith Schmöllerl. Der Kindergarten, den es seit 1921 gab, wurde vor 3 Jahren geschlossen, was viele sehr bedauern. Haben Sie diesen auch besucht? Besonders erwähnen möchte ich noch die kupferne Gedenktafel (Foto 3) am Aufzugsschacht, die an Irene Jerusalem erinnert, die von den Nazis ermordet wurde. Hatten Sie diese Lehrerin? Sie soll ganz toll unterrichtet haben. Waren Sie eigentlich seit Ihrer Auswanderung einmal in Wien?

Ich würde mich über einen Brief von Ihnen sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Kadlez


Über den Dächern von New York

An einem Samstagvormittag, kurz bevor ich nach Wien zurückfliegen sollte, gelang es mir endlich, Trudy Jeremias zu erreichen. Frau Dr. Lore Brandl hatte mir ihre Telephonnummer gegeben, als ich nach ehemaligen Wenzgasslerinnen fragte, die in New York Exil gefunden hatten. Eine warme Stimme lud mich sofort zu einem Besuch ein, obwohl Frau Jeremias erst spät in der Nacht nach Hause gekommen war. Sie unterrichtet Schmuckdesign an einem College in Boston und strahlt Energie und Freundlichkeit aus. In ihrer Wohnung im obersten Stock eines Backsteinhauses stehen und hängen viele Zeugnisse dafür, wie sie das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen sieht, Schönheit in skurrilen Formen entdeckt. Neben ihren Goldschmiedearbeiten beeindruckten mich märchenhafte, reliefartige Gebilde, Zufallsprodukte aus Silber. Das ist wie beim Bleigießen, erklärte sie, das geschmolzene Silber fällt auf eine kalte Platte und da bilden sich diese Formen. Die kleinen Kostbarkeiten an der weißen Wand ihres Studios luden zum Träumen ein. Auf der Terrasse über den Dächern von New York wuchsen Bäume und Blumen. Frau Jeremias servierte Espresso nach einer Woche amerikanischen Kaffees ein sehr willkommener Luxus und ging geduldig auf meine Fragen ein. 1938 war sie dreizehn Jahre alt und fand sich von einem Moment zum anderen von allen Schulkolleginnen gemieden. Eine entschuldigte sich, ihre Eltern hätten gesagt, sie dürfe nicht mit jüdischen Kindern verkehren. In Trudi Jeremias Familie hatte Religion bisher keine Rolle gespielt, der wöchentliche Religionsunterricht war nicht viel mehr als eine Pflichtübung.

Sie verweilte nicht bei den Kränkungen in den letzten Schulwochen, erzählte sachlich vom Bruder, der zum Glück in England im Internat war und nicht mehr nach Wien zurückkam, und von den Botengängen, die sie für die Familie zu besorgen hatte, weil sie so blond war und gar nicht jüdisch aussah. Die Mutter eine wunderschöne Frau (Foto) war Keramikerin, der Vater besaß ein Textilgeschäft. Die Eltern hatten sich vor einiger Zeit scheiden lassen, der Vater hatte eine neue Familie. Verwandte der Großmutter besorgten ein Affidavit, zu dem Zeitpunkt noch ein Weg in die Freiheit. Da wurde der Großvater, der Bankdirektor war, nach Dachau verschleppt, anscheinend um ihn zu erpressen. Die Mutter hatte irgendwie in Erfahrung gebracht, dass es in Berlin in der Gestapo Leute gab, die durchaus bereit waren, gegen entsprechende Bezahlung ihre nationalsozialistische Gesinnung beiseite zu schieben. Sie fuhr also nach Berlin, der Großvater kam frei und durfte zusammen mit dem Rest der Familie auswandern. Wir hatten ja Glück, 1938 konnten wir sogar noch Möbel mitnehmen, das Haus in der Gloriettegasse war natürlich beschlagnahmt worden. Natürlich?

Am 11. März 1938 war sie bei den Großeltern zu Besuch, ihr Weg führte am Heldenplatz vorbei, sie hörte die Jubelschreie der Menschenmassen, sah die zum Hitlergruß gestreckten Arme, die hochgereckten Gesichter. Das Bild verfolgte sie jahrelang, verlor seine Schrecken erst, als sie die Bilder von der Demonstration gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und das Lichtermeer am selben Platz sah. Nun war sie also in Amerika, kam sofort in die Schule und verstand zunächst gar nichts, war den stündlichen Wechsel von einem Klassenzimmer ins andere nicht gewöhnt, stand heulend im Stiegenhaus, wusste nicht wohin und fühlte sich sehr fremd. Dann kam eine Puertoricanerin, die ebenso wenig Englisch konnte wie Trudy, die nahm sie an der Hand. Jetzt waren wir zwei, da ging`s. Großvater und Vater beschlossen, die Kinder taufen zu lassen um sie zu bewahren vor dem, was ihnen widerfahren war. Trudy und ihr Bruder kamen nicht auf die Idee, dagegen zu protestieren, gingen in die Sonntagsschule der Baptisten und wurden von Reverend Ralph Emerson Forsdyk getauft. Dann aber erklärten die Erwachsenen: "Was nützt die Taufe, wenn man Epstein heißt? Der Name wird geändert zu Elmer." Da wehrte sich Trudy. Unecht, widerlich war es ihr, ein Verrat, den der geliebte Großvater begehen wollte. Die Enttäuschung tat weh.

Trudys Taufschein wurde immer mehr zu einem "Stück Papier, das brennt". Einmal im Monat kam ein Rabbiner in die Schule. "I want to undo it," sagte sie zu ihm. Er erklärte ihr, da müsse sie mit dem Pastor sprechen. Sie schrieb einen Brief und traf sich mit Dr. Forsdyk in der Kirche. Er hörte ihr zu, führte sie zu dem großen Buch, in dem die Gemeindemitglieder verzeichnet waren, blätterte feierlich darin, bis er zu ihrem Namen kam, und strich ihn aus. Trudy stand da mit ihrem Taufschein in der Hand. "Would you like me to tear it up?", fragte Dr. Forsdyk. O ja, das wollte sie. Er nahm den Taufschein und zerriss ihn. Trudy ging selig nach Hause. Jüdin war sie, und Jüdin wollte sie bleiben. Im College wandte sie sich an den Rabbi. "Once a Jew, always a Jew", erklärte er. Sie nickte. - Trudy Jeremias blickte über die Sträucher auf ihrer Terrasse in die ziehenden Wolken und nickte mir zu.

Text von Renate Welsh