Granby, Peter Hugh
Mein Vater
Er wurde am 12. Jänner 1894 in Prag geboren, zuständig war Sopron (Österreich-Ungarn) und starb am 1. September 1962 in England an Gehirnschlag. Sein Name war Josef Egon Günsberger. Er erhielt die Österreichische Staatsbürgerschaft am 28. Februar 1929. Sein Vater und Großvater waren Miedererzeuger in Deutschkreuz, Patent X-Format der Versteifung, ausgestellt in der "Crystal Palace" Ausstellung in London, England, Lieferant zur "Queen Victoria". Drei Brüder, zwei Schwestern. Der älteste Bruder war Berufsfotograf und wurde ungefähr um 1900 vom Blitz erschlagen. Leo Günsberger, Beruf Schauspieler, auf der Bühne ähnlich ausgesehen wie "Charles Boyer", Amateurastronom und Mathematiker, sprach Englisch, Ungarisch, Rumänisch und Italienisch. Starb im September 1938 in Wien an Gehirnschlag. Niemand wusste, erst nach seinem Tod 3 mal verheiratet. Erste Ehe zur Tochter eines ungarischen Adeligen, verweigerte sich, das Herrengut zu übernehmen ein Sohn. Alfred Günsberger, Beruf Schuster. Aussehen dürr, großnasig, etwas bucklig, wohnte in Brüssel, Frau und Tochter im KZ verstorben. Überlebte den Krieg als Landarbeiter in Belgien und Nordfrankreich. Wie? Starb an Gehirnschlag in Brüssel 1965? Erzählte Geschichten über meinen Vater erst nach Tod meines Vaters. Mehr davon später.
Schwester Isabella
Die ältere Schwester Isabella Günsberger, unverheiratet, hatte einen christlichen Verehrer, der Naziumsturz verhinderte eine Hochzeit. Sie starb in England 1942 an Krebs, Beruf Sekretärin. Ihr Verehrer wartete noch nach dem Krieg. Jüngere Schwester Anna Günsberger, verheiratet mit Joseph Brunner christlich. Ein Sohn, geboren 1937 nie seine Religion verändert. Überlebte den Krieg in Wien. Mir wurde erzählt, dass Joseph Brunner ein Gestapo-Offizier wurde und das Frauengefängnis? Verwaltete. Hat meine Tante und Vetter beschützt. Tante wurde durch Schwarzhandel im Krieg wohlhabend. Beruflich Schneiderin, hatte eigene kleine Werkstätte, erzeugte Damenkostüme nur nach Mass. Onkel "Peppo" entwarf die Muster. Starb 1992 an Herzkrankheit. Cousin(Vetter) Raul wurde ärztlicher Chemiker, besonders Krebs-Chemotherapie, erkaufte eine Doktorschaft an einer rumänischen Chemiefabrik, lebt jetzt meistens in Rumänien. Vaters Mutter, geborene Fannie Lärchenfeld auf einem Bauerngut in Tiefungarn an der rumänischen Grenze, Schafzüchter. Erinnere mich, wie sie einmal sagte: "Meine Tante Clara starb so zeitlich sie war nur 97!!". Wie ich zehn Jahre alt war, erzählte sie mir, dass ihre Grossmutter eine Zigeuner "Princessin" war. Ich glaube es, denn Schulphotographien meines Vaters zeigen ihn als glatt-schwarzhaarig, mit dunkler Haut. Ich wollte sofort einen Goldring im Ohr. Vater lachte, Mutter wurde hysterisch. Ich habe keinen Ohrring!
Familie Günsberger
Die ganze Günsberger-Familie hat nie viel von sich selbst erzählt. Das meiste erfuhr ich von meiner Mutter, die Vater vor dem ersten Krieg kannte. Anscheinend kam die Günsberger-Familie von Güns und die Güter waren auf den drei Günser Bergen. Das war (so wurde mir gesagt) die Gegend, wo zur Zeit der Reformation, eine ganze Umgebung vom Christentum zurück zum ersten Testament sich an die jüdische Religion gewendet hat. Vielleicht ist das wahr, denn die einzigen Erbstücke von Vaters Vorfahren kamen aus Klostern. Ich besitze noch ein handgesticktes Bild der Insel Schütt, das, so geht die Geschichte, von Klosterschwestern im 17. Jahrhundert angefertigt wurde. Durch Zufall sah ich vor einigen jahren eine Mappe der österreich-ungarischen Gegend, die im 17. Jahrhundert erzeugt wurde und auf der ich zum ersten Mal die Günser Berge und die Insel Schütt gefunden habe. Grossvater Moritz starb im Alter von 58 Jahren vor dem ersten Weltkrieg an Arterienverkalkung, er kettenrauchte 100 "Sport" am Tag und ist am Zentralfriedhof begraben. Grossmutter Fannie, trotz Onkel "Peppos" Schutz, wurde verraten und im letzten jahr abgeschleppt und starb im KZ. Sie wohnte im XX Bezirk in einer ganz kleinen armseligen Wohnung: Küche, Schlaf-Wohnzimmer, Closet und Wasserhahn am Gang.
Anscheinend gibt es nur eine Familie "Günsberger". Glied Cousins und noch weitere Verwandte dieses Namens, lebten, so wie ich es weiss, in Tiefungarn und liessen ein oder zweimal von sich hören, meistens nur durch Onkel Leo (der Schauspieler), der sie, wenn auf Tour, besuchte. Andere dieses Namens, die aus Amerika nach dem Krieg nach England kamen und mit uns telephonierten, waren immer, wie immer, weit zurück mit Vater verwandt.
Vater war fromm
Bis zum ersten Weltkrieg war Vater sehr fromm. Nach 1918 war die Familie nicht mehr fromm und es ist nie davon gesprochen worden. Vater war kurzsichtig und brauchte eine Brille um weit zu sehen. Daher konnte er kein Gewehr benützen. Wie er 1914 einrückte, wurde er Sanitäter an der russichen Front und was er dort sah, hat in ihm das Grausen erweckt. Als er dann 1916 ins Spital kam (schwer gefroren) und sah wie alle Religionen die Waffen segneten, hat Vater sich vollkommen von allen Religionen abgewendet und wurde ein rotglühender Sozialist. Nach dem Spital wurde er Feldwebel in der Kaserne der 76er im K.& K. Infantrieregiment Nr.4! Auf jeden Fall war er verantwortlich für alles Personal und Material und da kommt Onkel Alfred zur Rede. Dieser war bei der Artillerie, kam zu Vater und sagte, dass er niemanden mehr töten kann.
Auch Grossmutter Fannie und die zwei Schwestern waren hungern und in Armut in Wien in der kleinen Wohnung, wo sie nach Grossvaters Tod hinziehen mussten. So hat Vater seinen Bruder in seine Kaserne versetzt, liess ihm eine grössere Uniform anfertigen, mit wasserdichten Innentaschen, die er mit Lebensmittel füllte, gab Onkel Alfred einen 14tägigen Pass nach Wien, wo dann Onkel Alfred als Schuster etwas Geld verdiente. Nach zwei Wochen kam er in die Kaserne zurück, wo Vater das wiederholte usw. Für zwei Jahre bis Kriegsende, um keine Fragen zu erwecken, hat Vater Onkel Alfred auf verschiedene Feldgebiete, Spitäler, Kurse etc. schriftlich versetzt. Das hat Onkel Alfred erst nach Vaters Tod meiner Mutter erzählt. Auch das Folgende: Wie Vater gerade das Munitionslager überprüfte, kam ein hoher Offizier und machte eine abfällige antisemitische Bemerkung. Da nahm Vater eine kleine Eiergranate, zog die Sicherheitsnadel und hielt die Granate unters Kinn des Offiziers und verlangte Entschuldigung. Sagte der Offizier Sie verlieren die Hand und Vater sagte und sie ihren Kopf! Der Offizier hat sich entschuldigt. Auch das hat Onkel Alfred erst dann erzählt.
Nach dem Krieg
Vater erzählte mir erst in England, dass er Egon Schiele kannte. Er war nämlich in Vaters Kaserne in Haft und Vater besorgte ihm Zeichen- und Malmaterialien. War Vater der Offizier, der das machte? Nach dem Krieg arbeitete Vater im Wiener Arsenal als Materialkontrolleur und Kostenbrechner, machte sich einige wichtige Freunde, weil er unbestechlich war. Er arbeitete mit Dr. Ing. Porsche am Amilcar Rennwagen, mit Ing. Dr. Deutsch an der Spiralzahnradkegelhobelmaschine die von Rolls Royce mit allen Patenten gekauft wurde. Dann war er im Sozialdienst am Arbeitslosenamt und ich kann mich erinnern wie 1927/28 Leute in die Wohnung kamen um Hilfe. Vater schwärmte immer von den Sozialisten, aber Mutter sagte immer: Du täuscht Dich, die Sozialisten sind ärgere Antisemiten wie die Anderen, und so war es: Die Sozialisten haben mit Freude den Antisemitismus angenommen, weil die rechtspolitischen Bekannten uns halfen. 1929 arbeitete Vater schon in der I.B.K. Fremdendivision unter Dr. Baleity?, dort machte er Freunde mit Direktoren verschiedener Fabriken. 1934 verlor er den Posten und durch Mutters Mutter wurde von der Bauabbruch-Gesellschaft Adler & Söhne angestellt, wo er bis Juni/Juli 1938 beschäftigt war, dann einige Monate bis zur Auswanderung im Juni 1939 in der Umschulungsabteilung der Kultusgemeinde. Er und ich hatten von der Gestapo einen Freipass.
Meine Eltern kamen 1939 nach England
Meine Eltern kamen im Juni 1939 nach England als Cook & Butler in einem sehr reichem Haushalt in Caldy by Birkenhead. Die waren sehr gut zu ihnen und zu mir. 1940 ging Vater in die englische Armee als Pionier, war in London im schwersten Luftangriff, wo er für 3 Tage und Nächte die Flammen um St. Pauls löschen half. Dann als Koch im Pioniercorps, wo er einen, von ihm bekannten jüdischen wiener Einbrecher wieder traf. Vater kannte ihn, weil durch Zufall, er 3 mal das Büro in verschiedenen Ämtern, wo Vater arbeitete, beraubt hat. Er war auch Koch. Vater frug ihn, wie er das Visa bekam und er erklärte Vater wie mans macht: Man besticht jemanden der ein Visa bekommt, den Reisepass nicht zu schliessen (nach dem Stempel), sondern ihn gleich dem Bestecher zu überreichen. Dieser nimmt eine Kartoffel, schneidet ihn in die Hälfte und drückt den Kartoffel auf den frischen Stempel.
Der Kartoffel nimmt etwas Tinte auf und wenn man das auf den eigenen Pass drückt, wird der Stempel vom Papier angenommen und "Hey presto" man hat ein Visa. Als dieser Kerl Wien verliess und seine Mutter in der Wohnung im Gemeindehaus zurückliess, drohte er und sagte: Wenn ich zurückkomm, muss meine Mutter am Leben sein. Er war schon irgendwo mit dem Regiment im Kampf in Deutschland? Wie Wien befreit wurde, er desertierte, ging durchs Schlachtfeld, tötete einen deutschen Offizier, zog sich die Uniform an und mit Taschen voll mit Handgranaten und Maschinenpistole ging durch Deutschland nach Österreich, wieder durchs Kampfgebiet, erwarb eine englische Uniform (frag nicht wie) und suchte seine Mutter. Die war abgeschleppt. Da ging er durchs ganze Haus, erschoss alle und warf eine Handgranate in jede Wohnung. Entkam der Verhaftung und ging in die kanadische Armee, wo ihn ein Colonel mit Freuden aufnahm. Das wurde teilhaft meinem Vater berichtet und teilweise von meiner Tante (die in Wien überlebte) erzählt. Die oberen Anekdoten sind nur da, um das Millieu, in dem sich Vater bewegte anzudeuten.
Meine Mutter
geboren am 24. März 1897 in Wien XI, geborene Gisela Goldstein starb am 24. Dezember 1984 an plötzlichem Anfall von Scepticimia in England. Sie heiratete meinen Vater am 15. August 1920 im Brigittenauer Tempel. Ihr Vater starb plötzlich mit einem tiefen Atemzug so sagte Grossmutter und sanfter Miene im Ehebett vor dem ersten Weltkrieg. Er war Kreisler aber kein Geschäftsmann und wollte Arzt werden, aber seine Eltern hatten nicht genug Geld für die Schule. Er kam aus Böhmen.Ihre Mutter Rosa, geb. Tauber. Erste Cousine von Richard Tauber (Opernsänger), die Väter waren Brüder. Aufgewachsen am Familiengut in Zurndorf im Burgenland. Grossmutter Rosa sagte, dass das Bauerngut immer das Erbstück der ältesten Tochter war. Produkte der Boden war das Überschwemmungsgebiet, so ziemlich unfruchtbar Tauben für den Fleischmarkt, gefettete Gänse, Flachs und Hanf für Gewerbe. Aber hauptsächlich wilde Pferde für die Armee. Wie Grossmutter jung war, hat sie die wilden Hengste den Offizieren vorgeführt (erst hier in England erfuhr ich, dass wilde Hengste nur kleine Knaben vor der Pubertät und unverheiratete Mädchen tolerieren. Alle anderen werden angegriffen und gebissen). Grossmutters Vater und Grossvater reisten nach England nud soweit wie Russland um Brut Pferde zu kaufen. Sie engagierten Söldner für die Beschützung. Grossmutters Vater starb plötzlich und nach seinem Tod stellte sich heraus, dass das Bauerngut zwei Hypotheken hatte und alle Schmuckstücke nur noch Glas und vergoldetes Silber waren. Aber zwei Häuser in Simmering waren noch da.
Mutter hatte eine ältere (6 Jahre) Schwester Anna. Die wollte nie jüdisch bleiben und liess sich im 15. Lebensjahr taufen. Name Anne Maria. Sie war leichtgläubig (so sagte Mutter) und wollte nie Kinder haben, heiratete Onkel Albert Schwarzmann, ein sehr liebhafter Mann aus frommer römisch-katholischer Familie. Die hat ihn ausgewiesen, aber nach 1938 kamen und beschützten meine Tante und Grossmutter Rosa. Die wurde leider ein paar Monate vor Kriegsende verraten und starb in Theresienstadt. Onkel Alfred hatte ein kleines Friseurgeschäft in Hietzing Vater hat ihm das Geld geborgt, aber nie zurückbekommen, es war einfach nicht möglich. Religion Grossmutter Rosa sagte: Wir haben alles gehalten, waren aber nicht fromm, die Tiere wissen nichts von Religion und die Landarbeiter am Samstag arbeiten lassen, weil man zum Tempel ging, gehte gegen den Strich. Grossmutter Rosa hatte zwei Brüder. Einer war Vorstand der östlichen Eisenbahn.
Beide im Krieg gefallen. Mutters Cousins hatten Güter im Burgenland. Die zugeheiratete Familie Baranie war reich, ein Sohn emigrierte nach dem Krieg (1919) nach Amerika, wurde wohlhabend und gab 1938 Visas für über 30 der Familie. Ein Cousin, der nach Kriegsende zurück ging, wurde als Ehrenbürger empfangen. Onkel Albert und Tante Anna wohnten in der Rotenmühlgasse 47, eine kleine Wohnung im 3. Stock, fensterlose Küche und ein Schlaf-Wohnzimmer, Wasserleitung in der Küche, Closet am Gang. Freunde christlich und jüdisch, keine Streitereien. Onkel starb am 25. März 1976. Tante am 29. August 1978. Onkel war 84, Tante 87 Jahre alt. Nach Tod Mutters Grossmutter in Simmering waren Grossmutter Rosa und Mutter nicht mehr religiös. Aber doch: Milch und Fleisch wurden strikt separat gehalten, Schweinefleisch war nie am Tisch. Mehr von Mutter in meiner Geschichte.
Ich
Ich wurde am 9. September 1924 als Peter Hugo Günsberger geboren. Es wurde mir zum Bewusstsein, dass ich vollständig materialistisch, vielleicht falsch am materialistischen Weltraum und nicht vom geistlichen Leben interessiert war und bin. Poesie, Literatur usw. waren und sind noch immer meinungslos. Wenn ich etwas mechanisches ansah, wusste ich was es war und wie es funktioniert. Zum Beispiel, ich erinnere mich genau, wie ich das erste Mal "Grosse Seite" am Nachttopf machte und stolz meiner Mutter zeigte. Oder: Vater verbat, dass irgendetwas mit schiessen je in meiner Gegenwart erwähnt wurde oder ein Kinderbuch eine Waffe zeigt oder erwähnt. Ich war ungefähr zwei Jahre alt, das Gitter am Kinderbett war noch geschlossen und bei 2 ½ schlief ich schon im Wohnzimmer (Photobeweis). Vater kam ins Schlafzimmer, es hatte das beste Licht, hat etwas von einem Tuch ausgepackt und zu reinigen angefangen. Ich stand im Kinderbett, zeigte auf das was Vater hielt und sagte "schiessen daraus". Es war seine "Steyer" Pistole, die er am Abend für einen "Zeiss Feldstecher austauschte. Vater ist beinahe umgefallen.
Wie ich ungefähr vier Jahre alt war, habe ich mit meinen Werkzeugen einen neuen Sitz auf den Küchensessel, den ich zerbrach, weil ich immer darauf stand, aus dünnem Sperrholz angefertigt und mit Querholz versteift. Grossmutter Rosa trug ihn für eine Woche stolz herum. Ich hatte einen kleinen Bogen mit Pfeilen mit Gummistpitzen, den ich auf ein Ziel im Wohnzimmer benutzen durfte. Das war mir nicht gut genug.Ich verstärkte den Bogen und fertigte Pfeile aus Brennholz an. Die benützte ich im Hof, wo die Pfeile (aus Weichholz) durch 8mm Tür, auf der mein Ziel befestigt war, durchdrangen. Der Hausmeister, dessen Tür es war, konfiszierte Bogen und Pfeile. Das hat mir nichts ausgemacht, denn ich hatte schn Elektromotore (Batterie), mit dem ich die "Matador" Modelle betreib. Auch die Chrystall Radios haben mich interessiert, besonders der Chrystall. Ich arbeitete aus, wie der Rechenschieber funktioniert, fand heraus wie das "Vernier" Messgerät funktioniert.
Im Alter von fünf hatte ich meine eigene Zeiss Ikon Camera Nr. 127 Rollfilm. Musste Entfernung, Blende und Zeit einstellen, selbst entwickeln kopieren und vergrössern. Vater war Mitglied in einem Fotoverein. Meine Bücher: Bände des Guten Kamerads bis 1934, wenn es mich anfing zu Grausen, das zu lesen. Karl May. Mit sechs hat Mutter mich in die Volksschule abgeschoben, obwohl ich erst mit sieben eintreten musste. Ich war einfach zu viel für sie, den ganzen Tag herum zu arbeiten! So war ich immer der Jüngste in jeder Klasse.
Wohnung in Simmering
Wir wohnten in Simmering, Simmeringer Hauptstraße 107, 1. Stock, Tür 9. Im Hof war eine Schlosserei, eine Kerzenfabrik, zwei Fuhrwerke und Ställe mit einer Schmiede. Wie ich so drei, vier Jahre alt war, stand ich im Hintergrund und sah zu. Ich merkte mir alles. Heutzutage- ein Kleinkind in einer Werkstätte!! Und zehn Sozialbeamte kommen gerannt. Februar 1933 übersiedelten wir nach Lainz, Lückenwiesersiedlung in ein Gemeindehaus mit Garten, Josef Schustergasse 7. In Simmering ging ich zur Schule beim Herdaplatz. Hatte nie Antisemitismus gekannt. In Lainz in der Volksschule, nach ein paar Wochen pickte mir ein Bub meiner Klasse "Tannenberg" Marken aufs Pult. Wie ich zuhause fragte, was das bedeutet, nächsten Tag nahm ich die hölzerne Federschachtel und zerbrach sie am Kopf dieses Bubens. Unser Lehrer war Bayerle und ich bin überzeugt, dass der der Anstifter dieses Falles und weiterer war. Aber niemand hat das Wort Jude mir ins Gesicht gesagt. Ich hab mir dann angewöhnt Closetpapier zu tragen, mittels dem nach der Schule hab ich ein oder zwei Pferdeäpfel aufgehoben und sollte einer etwas spöttisch gewesen sein, hab ich einen Pferdeapfel nachher ins Gesicht geschmiert oder wenn er lief, in den Nacken geschoben. Das war meine eigene Erfindung. Ich hab Ruhe gehabt!
Auf der Lückerwiesersiedlung, da hatte ich nur einen Fall der antisemitisch wäre. Ich kaufte was für Mutter im Consumverein, der, ich glaube in der Falstauergasse war, wie zwei ältere Knaben, die ich nicht kannte, abfällige Bemerkungen machten. Sie haben Eier gekauft. Wie wir raus gingen, so warteten sie auf mich und sagten: Peter (sie mussten mich kennen) und Paul sind zwei Juden. Da bin ich auf sie zu, hab den Sack Eier ihnen aus der Hand gerissen und die Eier ihnen ins Gesicht geschmiert. Dann lief ich nach Hause. Zwei Stunden später kam der Vater eines der Jungen (ich spielte Ball in Dorstrasse) mit dem Jungen zur Tür, mein Vater öffnete sie und der Betroffene ganz empört schrie: Ihr Bub hat meinen geschlagen und die Eier zerschlagen, wo ist ihr Bub? Vater wusste von nichts, zeigt auf mich, da ist er! Ich war einen Kopf kleiner. Der Betroffene drehte sich zu seinem Sohn und sagte: Du lässt dich von so einem kleinen schlagen? Und gab ihm zwei Ohrfeigen. Er wollte nicht die Eier ersetzt bekommen, nahm sie aber doch an. Die Zeiten waren schlecht und jeder Groschen zählte. Vater schaute mich an und sagte "Gut gemacht".
Einziger Jude meines Alters
Ich hatte zwei Freunde, ich war, so wie es sich herausstellte, der einzige jüdische Knabe ungefähr meines Alters, auf der Siedlung. Via a vis Karl Friedrich, der auf die Realschule ging und in der Franz-Petter-Gasse Hans Fesel, der aufs Gymnasium ging. Hans Fesel ging mit mir in meiner Klasse auf die Volksschule. Es stellte sich heraus, dass Fesel´s Vater (der verstorben war) halbjüdisch war. Deshalb ist Hans nicht Soldat geworden, sondern Ingenieur in einem Bergwerk in der Steiermark. Das wurde mir 1973 gesagt, wie ich mit meiner Frau und meinem Sohn in Wien war und die Nachbarn von Nr. 9 besuchte. Nie eine Beschimpfung. Wie ich jetzt nachdenke, gab es zwei Klassenkinder auf der Siedlung: Die von Einzelhäusern (Terrassen) kamen und dessen Eltern Beamte waren und die von den Gebäuden kamen und dessen Väter Arbeiter waren. Wir gingen in Hochschulen und die anderen meistens in Handelsschulen. Es war nicht soviel Judenhass, wie Klassenhass.
Nach Hitler, so im Apirl/Mai spielte ich mit meinem Drachen auf dem Feld beim Altersheim. Da waren plötzlich 12 bis 15 Buben um mich. Ein paar in brauner Uniform, ein paar Hitlerjungen und andere. Die sind einer nach dem anderen zu mir gekommen, haben mir die Hand geschüttelt und sagten: Du hast gut gekämpft, wir brauchen dich in der Hitlerjugend. Sagte einer: Er kann doch nicht, er ist mosaisch! Ach so das tut uns leid! Unglaublich was? Im Juni 1938 mussten wir ausziehen, verloren die Möbel etc., aber wurden nicht beschimpft. Wir zogen zur Großmutter Rosa in der Oberen Donaustraße Nr. 57. Das Schuljahr war noch nicht zu Ende, so ging ich für 2-3 Wochen in die jüdische Schule in der Inneren Stadt.
Reiner Gymnasium
1934 hab ich die Eingangsprüfung zum Reiner Gymnasium, das auch ein Realgymnasium war, bestanden. Das war mit Hilfe des Professors Bohuslav, der auf Nr. 4 über der Gasse wohnte und Professor in dem Reiner Gymnasium war. Die hatten einen Sohn meines Alters, aber seine Mutter liess ihn nie aus dem Haus, falls er von den Buben in den Hochhäusern beschimpft wurde (sie waren nicht jüdisch). Ich bin mit der Strassenbahn 62er, der beim Altersheim die Schleife machte, in die Schule gefahren und da hat 1937 der Antisemitismus angefangen. 4 oder 5 Buben, die eine Klasse höher ins Reiner Gymnasium waren, also 2 Jahre älter waren und einer nach dem anderen in den 62er einstiegen, fingen an mich auszuspotten. Wenn ich umstieg, gingen sie mir nach. Ein schlanker Blonder war der Anstifter. Da hab ich mir mein "Teesquare" mitgenommen und beim ersten Spottwort es aus der Schultasche genommen und dreingeschlagen.Das war so jeden Tag ein Schlachtzug. Aber die Kerle waren blutig, nicht ich. Nach der Schule sind die Pferdeäpfel zu Händen gekommen! Einen Tag, auf der Heimfahrt, hat sich einer vis a vis von mir hingesetzt und mich "Du armer Tropf" beschimpft. Den hab ich so mit den Fäusten geschlagen, dass ihm die Haut platzte, er musste 10 Stiche haben. Sein Vater hat sich nach 10 oder 14 Tagen bei mir entschuldigt.
Einen Sonntag, anfangs 1938, ging ich mit Vater spazieren und wie wir beim Krankenhaus waren, kommen zwei Männer, eine Frau und der blonde Anstifter uns entgegen. Wie sie bei uns vorbei gingen, beugt sich ein Mann und sagte zum Jungen "Ist das der mit dem Judenbub?" Vater ging auf ihn zu und ohne Worte schleuderte er den Mann gegen den Zaun mit seinem Bauch und wie der Mann abprallte, schleuderte mein Vater ihn wieder und wieder, bis alle 4 davon liefen.
In der Siedlung hatten wir natürlich Nachbarn. Wir wohnten Nr. 7. Nr. 5 waren die Greiner, Nr. 3 die Reiter. Nr. 9 die Förster. Ihr Sohn (sie hatten auch eine ältere Tochter) war ein Jahr jünger, Freddie. Wir waren gute Freunde, spielten zusammen mit dem Matador, Modelleisenbahn und Kriegsspiele mit Bleisoldaten, Matadorkanonen, federgetriebenen Tanks. Er starb an Peritonitis (kein Pennicillin) 1937. Alle vier Familien, die Förster (der Mann war Lokführer auf der Kleinbahn, die die Jagdschlossgasse querte) waren strikt fromme römisch-Katholiken. Die Greiner protestantisch und die Reiter? Aber ordinär! Und wir spielten Gesellschaftsspiele jede Woche in einer unserer Häuser. Jetzt erst wir mir bewusst, dass die Förster nur mitmachten, wenn wir dabei waren. Der Bruder der Greiner war gleich bei der SA, hat uns aber nie beschimpft.
Franz-Peter-Gasse
In der Franz-Peter-Gasse unten rechts, wohnten als Nachbarn zwei jüdische Familien- Die letzten, der Vater Jude, polnischer Staatsbürger, die Frau Christin und eine weissblonde Tochter 2-3 Jahre älter als ich. Die Nachbarn waren die Prochnik, Vater rothaarig, Mutter kohlschwarz, Tochter Maja genau ein Jahr jünger als ich und ein Sohn 3 Jahre jünger. Mädchen und Buben meines Alters wurden damals strikt separat gehalten. Erst nach dem Umsturz machten wir Bekanntschaft. Vater brachte, durch die Kultusgemeinde, die Frau und Tochter nach England, der polnische Vater bekam kein Visa. Die Prochnik Kinder sind mit mir im zweiten Kindertransport nach England. Die Mutter kam nach. Herr Prochnik war, so stellte sich heraus, schwer lungenkrank und bekam kein Visa. Wie wir schon bei Grossmutter wohnten, hat mich Vater als Lehrling in einer jüdischen Schlosserei einschreiben lassen. Was ich in den paar Wochen erlernte, ist mir heute gut zu standen.
Kristallnacht
Ich schlief bei Grossmutter imVorzimmer auf einem Divan. So um 3 Uhr in der Nacht, kam ein lauter Schlag auf die Eingangstür und wie ich zusah, kam ein Zettel unten durch die Tür geschoben. Darauf war geschrieben: "Egon verschwind." Vater zog sich sofort seine Naturfreundeuniform an, graue Jacke mit grünem Kragen, grüne Hose, Gamaschen, Bergschuhe füllte seinen Rucksack mit Brot, Käse, Wurst, einer Aluminiumflasche mit Wasser, eine andere am Gürtel und ging zu Fuss in den Wald, ich glaub den Lainzer Tiergarten. Wie er durch das Grauen angesehen durchging, wurde er höflichst mit "Heil Hitler" gegrüsst. Nach 3 Tagen kam er zurück und schlief für 24 Stunden. Mutter war eisenfest die ganze Zeit. Um 6 Uhr kam die Gestapo und zwei SS-Leute: Herr Günsberger! Mutter sagte einfach, er ist schon weg. Die Kerle lachten und gingen weg. Keine Möbel zerschlagen und Ärgeres. Sehr höflich.
Am 9. Dezember fuhr ich im zweiten Kindertransport nach England. Meine Eltern, wie vorher gesagt, kamen Juni 1939 nach. Obwohl ich meine Schulung und Freunde verlor, meine Eltern ihr Hab und Gut, wie immer es wenig war, und ihre Familien und Freunde. Wir haben Glück gehabt. Heute hab ich durchgelesen, was ich bisher schrieb. Es ist etwas durcheinander, wie es mir so in Erinnerung kam. Da haben sie leider die Mühe, es zu sortieren. Ich hab da im oberen Paragrafen nur die Anti oder quasi antisemitischen Raufereien beschrieben.
Seit ich mit anderen Kindern spielte, von erster Klasse Volksschule, am Spielplatz, habe nie Grausamkeit oder Tierquälerei toleriert, sondern bin wütend auf die Verfolger gerast. Auch habe ich mir nie nicht antisemitische, sondern generelle Verfolgung von "Class Bullies" gefallen lassen und ebenso behandelt. So waren die meisten Raufereien auf der Siedlung Bandenstreitereien und nicht direkt antisemitisch auf mich gezielt.
1938 verliess ich Wien
Am 9. Dezember 1938 verliess ich Wien Westbahnhof mit Immigration Dokument Nr. 307. Am 12. Dezember 1938 in Harwich gelandet, gut ausgeschlafen. Andere Kinder waren in Tränen. In einem Holidaycamp by Harwich untergebracht, schlief mit einem anderen Jungen in einer hölzernen Ferienkabine. Essen in gemeinsamer Speisehalle. Der kälteste Winter für Jahrzente fiel ein am 3. Tag. Am 7. Tag mit ungefähr 40 anderen, fuhren wir der Eisenbahn (3. Klasse, die bessere war wie 1. In Österreich) nach Southwold an der Ostküste, wo wir in einer feinen Boardingschool für reiche Mädchen untergebracht wurden. Die sind eine Woche vor ihrer wochenlangen Weihnachtsferien, nach Hause geschickt worden. Ich schlief in der Kabine der Tochter eines englischen Kabinettsminister. Ehrlich gesagt ich hab weicher in einer Zelle eines Klosters geschlafen (da waren wir bei längeren Schulausflügen untergebracht). Verbrachten herrliches Weihnachten, Unterhaltung, Lupino Lane und seine Truppe, gingen ins Kino. Nach Weihnachten fuhren wir nach Westcliff on sea an der Themsemündung, wo wir zwei Wochen blieben. Ein jüdisches Hotel Fromm-, alle Gäste sind freiwillig ausgezogen. Die Eigentümer des Hotels wollten mich adoptieren.
Ich sagte Nein, meine Eltern waren noch am Leben. Von uns 40 oder so, waren vielleicht nur 5 sehr fromm. Dann fuhren wir nach Dovercourt Holiday Camp, wo ungefähr schon 2000 Flüchtlingskinder waren, wurde Vorstand einer Gruppe von ungefähr 50 gewählt. Englischunterricht bekommen, konnte schon englische Bücher lesen. Alle Kinder bekamen eine Prüfung. Acht andere und ich bestanden diese und bekamen Freiplätze in Londoner Colleges. Februar 1939 ging ich in ein Hostel in Westlondon um in die Bau- und Architektenschule in Hammersmith zu gehen. Am 2. Oder 3. Tag wollte einer der englischen Schüler mich tyrannisieren (er war ein "Bully"), da packte ich ihn bei der Hand, setzte einen Fuss in seinen Bauch und warf ihn über meine Schulter. Dann hab ich für immer Ruhe gehabt.
Das erinnert mich in Wien, wenn wir schon bei Grossmutter wohnten, ging ich abends in ein Haus, wo die jüdische Maccabi ihren Club hatten. Dort lernte ich Säbel und Messer kämpfen und verschiedene Verteidigungsübungen. Ich traf Heinz Polifka, der Sohn einer Schulfreundin meiner Mutter. Der ging nach Palästina, trat in das Palästinacorps der britischen Armee ein, mit dem nach Italien, wo er seinen Vater aus italienischem KZ befreite. Er wurde hoher Offizier in der Naganna, meine Mutter traf seine Mutter in England. Als Vater in die englische Armee eintrat, ging Mutter als Hausmädchen in ein Herrenhaus, wo Frau Polifka Köchin war. Diese ging dann nach Israel, weil ihr Mann und Sohn dort waren. In dem Hostel traf ich einen Knaben "englischer Jude" der abends kam und mit uns Tischtennis spielte. Viele Jahre später, 1984, traf ich einen Bekannten unseres Nachbarn und es stellte sich heraus, dass es der war. Ich habe sehr viele Zufälle in meinem Leben gehabt.
Evakuierung des Knabenhostels
1939 wurde das Knabenhostel mit einer jüdischen Schule, die in der nächsten Stra?e war, nach Holt in Wiltshire evakuiert. Dort lernten wir englisches Völkerball zu spielen. Da waren auch jüdische Mädchen. 1984 stellte sich heraus, dass eine Bekannte des obrigen Knaben und Freunde unseres Nachbarn eines dieser Mädchen war, die in meiner Klasse war. Die Bauschule wurde später nach Bath evakuiert, 16 km von Holt und ich übersiedelte nach Bath, um die Schule weiter zu besuchen. Nach 6 Monaten ging die Schule nach Trowbridge in Wiltshire, wo sie eine Boarding School wurde. Im gleichen Zug waren die Soldaten, die Dunceroue überlebten. Die sahen furchtbar aus.
Als "Perfect" erwählt
Ein Jahr später wurde ich als "Perfect" erwählt. 1941, nach dem 3. Jahr, musste ich in eine Kriegsfabrik und nicht als Architekt ins Baugewerbe und fing an als Bediener von Stahlsägemaschinen. Binnen 10 Tagen hatte ich die Bedienung automatisiert, eine komplizierte Schleifmaschine repariert (die Hydraulik war fehlerhaft) und kam ins Entwurfbüro. Die Fabrik war ein Werkzeughersteller von "Refugees" Betrieben. Deutsche, Österreicher, Tschechen, Polen, Ungarn, jüdisch und Nichtjuden. Ich erfand eine mathematische Lösung für Berechnung verzerrter Kurven, schrieb Artikel für technisches Magazin für Gestaltung ergonomischer Maschinenbedienung. Musste nicht einrücken, wurde mit einem Contract in eine andere grosse (2500 Arbeiter) übertragen. Das war 1944. Dies war "Collaro" vor dem Krieg Grammophonfabrik, entwickelte einen neuen "Lightweight Pickup". Ich wurde vom Direktor auserwählt, durch die Fabrik zu gehen um Hilfsmaschinen und Werkzeuge zu verbessern, übernahm die Leitung einer Abteilung, die Vacum Reiniger herstellte, 60 Frauen und 10 Männer, verbesserte Produktion von 350 per Woche zu 1800 per Woche.
Posten bei einer Juwelenfabrik
1950 nahm ich einen besseren Posten.



