Haspel, Hanna
Meine Mutter kam von CSR und mein Vater stammte aus der Slowakei, (Ungarisch) typisch Österreich-Ungarisches Kaiserreich. Wir waren nicht fromm, jedoch traditionell gläubig. Mein Vater war Buchsachverständiger, heute wohl Accountant? Meine Mutter, typisch für ihre Generation, sprach natürlich Deutsch, Französisch, spielte Klavier, sang und malte. Ich kann mich nur an die Synagoge in der, ich glaube, Thalgasse Fünfhaus erinnern, wo wir Kinder am Yom Kipur im Vorhof herumstanden. Meine Eltern lebten in einer 3-Zimmer Wohnung (bin auch dort geboren) am Henriettenplatz (XV), wo ich auch in die Realschule ging. Als ich 1937 heiratete, bezogen wir eine sehr schöne Mietwohnung in Unter St. Veit.
Ich hatte jüdische und "arische" Freundinnen und später Boyfriends und wusste bis zum Umbruch nicht, dass ich ein "Pariah" war. Als junge Kinder spielten wir am Henriettenplatz (Park) Tempelhupfen etc. aber meistens wanderte ich mit meiner Mutter zum Tivoli & Hopfner und spielten auf der Wiese "Florian, hat gelebt sieben Jahr ...". Später wanderten wir im Sommer ins Schönbrunner Bad, später Lobau etc. Ich heiratet Kurt Unger 1937. Sein Vater war in Wien geboren, seine Mutter stammte aus Pilsen. (Sollten Sie interessiert sein, kann ich Ihnen Fotostats von meinem & meiner Elterns Trauzeugnisse senden). Beide Hochzeiten fanden in der Neudecker Synagoge statt.
Umbruch
Nach meiner Heirat sah ich meine Schulfreunde weniger, nach dem Umbruch erkannten mich manche nicht, andere versuchten uns moralisch zu helfen. Als der Umbruch kam, war ich Skilaufen in Vorarlberg, während mein Mann geschäftlich in Paris war. 1938 endlich hier in Australien angekommen, schrieb ich meine Eindrücke nieder und füge diese Seiten diesem Briefe hinzu. Damals war mein Deutsch geläufiger!
Wieder in Wien
Zurück in Wien, versuchten wir entweder das Cech oder Ungarische Visum zu bekommen. Einer wollte das Visum nicht geben, sollte der andere es nicht ausstellen. Wir standen stundenlang vor den Konsulaten Schlange ohne Erfolg, bis ich endlich einen hysterischen Schreikrampf hatte und man mich hinein nahm. Da ich jung und nicht unattraktiv war, lies sich der ungarische Konsul erweichen und gab mir das Papier. Wir verliessen Wien im Juli 1938 (die Beschreibung füge ich bei). 2 Liftvans voll Hausmöbel etc. gepackt. Ein Van von meiner Mutter, Hedwig Gellert, einer von uns, Hanna und Kurt Unger und trotzdem wir Fracht, ich glaube bis Triest, vorbezahlten, wurden beide Vans von den Nazis beschlagnahmt und später von der Vugesta versteigert.
Budapest
Angelangt in Aspern nahmen die Nazis noch meiner Mutter eine Brosche und unsere Ringe weg! 4 Stunden später waren wir in Budapest! Dort sammelte mein Mann Vertretungen für Australien und meine Mutter hatte einiges Geld in Budapest (Verlassenschaft meiner Grosseltern). Mein Mann war Drogist und war Inhaber des Fotogeschäftes "Fotoecke am Neubau", hatte Verbindungen in Ungarn. (Übrigens, das Geschäft besteht noch immer, wurde jedoch seinerzeit arisiert). Von dort reisten wir über Prag nach London und von dort nach Australien. Ich hatte ein Diplom von der Wiener Kunstgewerbeschule und studierte in Paris École de beaux Arts, so hier angekommen, zeichnete ich Modelle abends (meine Mutter kochte etc.), bei Tag lief ich von einer Confectionsfirma zur anderen und verkaufte meine Skizzen. Interessanterweise hatte das hiesige Jewish Museum im Vorjahr eine Ausstellung "The Rag Trade" und eine ganze Wand war meinen 1938/40 Entwürfen gewidmet. Langsam arbeiteten wir uns empor und 1947 hatte ich eine Tochter und gab meinen Beruf zeitweilig auf. Ich verlor meinen ersten Mann in 1950 (Muscular Atropy), er war 43 Jahre. Ich führte seine Importfima bis 1953 als ich Georg Haspel heiratete. Er starb 1996.
Zurück in Wien
Wir waren 1953 in Wien und trotz Wien schön wie immer war, konnten wir uns nicht erfreuen, die Freunde und Verwandten waren entweder tot oder ausgewandert und alles war mir fremd. Die Wiener schienen arrogant und protzten mit ihrem Reichtum. Die traurige Wahrheit ist, das Australien, trotzdem es gut zu uns war und ist, doch nicht unsere Heimat ist und Wien es auch nicht mehr ist.



