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Nicht nur mit der Schreibmaschine die Heimat gesucht

Bericht von Robert Streibel

Die in Hietzing geborene Schriftstellerin Stella K. Hershan besucht Wien und feiert ihren 90. Geburtstag und erlebt Überraschendes: eine Ausstellung über ihr Leben eine Schule, die nicht nach Desinfektionsmittel riecht und ein Brief des Bundespräsidenten.

Vorsichtig und mit kleinen Schritten nähert sich Stella Hershan der Wenzgasse, wo sie vor mehr als 75 Jahren die Schule besucht hat. Kein Wiedererkennen auf den ersten Blick. "Das Gebäude hatte ich dunkler in Erinnerung". Dies sollte nicht die erste Überraschung sein an diesem Tag, bei diesem Besuch in der Vergangenheit.

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Auf Einladung der Volkshochschule Hietzing ist die in Wien Hietzing geborene Schriftstellerin Stella K. Hershan zu ihrem 90. Geburtstag von New York nach Wien gekommen, um die Ausstellung über ihr Leben und Schaffen in der Volkshochschule Hietzing zu eröffnen. Im Jahr 1939 konnte Stella K. Hershan mit ihrem Mann und der einjährigen Tochter aus der damaligen Ostmark fliehen. Die Flucht in die USA bedeutet einen Neuanfang. Als Bittsteller, die alles verloren hatten, kam sich Familie Hershan jedoch nicht vor. Ihr Mann hatte eine Metallwarenfabrik und noch heute könne man auf massiven alten Eisentoren den Schriftzug Hershan lesen, in Philadelphia musste er für 15 Dollar die Woche arbeiten, dass Emigranten damals trotz der schwierigen Lebensumstände das Gefühl hatten, willkommen zu sein, vermittelte die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt, wie auch die LAbg. Novak bei der Eröffnung der Ausstellung erinnerte und den Unterschied zu heute herstellte, wo Emigranten als Last und mit dem Schicksal von Flüchtlingen auch politisches Kleingeld gewechselt wäre, wie die entwürdigenden Szenen anlässlich der Eröffnung eines Flüchtlingsheimes in Floridsdorf gezeigt habe. "Die Worte von Eleanor Roosevelt sollen daher als positives politisches Beispiel auch für Heute gelten, dass sich alle ins Stammbuch schreiben sollten."

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"Wir hier in Amerika," sagte die berühmte hohe Stimme, "möchten, dass es Ihnen klar ist, dass Ihr Kommen keine einseitige Angelegenheit ist. Wir hier geben Ihnen eine Zuflucht und eine neue Heimat. Aber Sie, in der Tradition unseres Landes, welches aus Immigranten wie Ihnen besteht, bringen uns Ihre Talente, Ihr Wissen und Ihre Kultur. Wir danken Ihnen für diese Geschenke, welche unser Land bereichern und unseren Horizont erweitern, und wir heißen Sie willkommen."

Eleanor Roosevelt hat uns Kraft gegeben und Zuversicht wieder neu zu beginnen. Es ist also kein Zufall, wenn das erste Buch dem Leben und Wirken von Eleanor Roosevelt gewidmet war. Rückblickend gesehen scheint der Lebensweg von Stella K. Hershan klar, bereits mit 15 Jahren hatte sie eine Kurzgeschichte in der Jugendbeilage der "Neuen Freien Presse" über Menschen in einer Bar veröffentlicht. Bei ihrem Geburtstagsfest im Literaturhaus las sie zum ersten Mal diesen Text vor, amüsiert und mit viel Selbstironie. "Ein bisschen geschwollen ist die Sprache".

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Doch beim ersten Dämmerschein, der den anbrechenden Tag verkündet, verlassen auch die letzten Gäste fluchtartig das Lokal. Nach einer Stunde bricht die volle Sonne in den verödeten Schauplatz des Vergnügens und zerrt unbarmherzig alle Mängel und Schäden der Einrichtung ans Licht, die kurz vorher noch so prunkvoll erschien.

Die lauschige kleine Bar wirkt nun, bei offenen Türen und Fenstern, theaterhaft und abgenützt, ernüchternd. Man versteht nicht dass man sich hier ein paar tolle Stunden hindurch unterhalten konnte. Trauriges Erwachen.

Zum Schreiben ist sie jedoch erst viel später gekommen, in der Emigration. Und das Schreiben war auch eine Reise zurück nach Österreich. In ihrem ersten unveröffentlichten Roman "Karin" aus dem Jahr 1953, einer autobiographischen Liebesgeschichte, "ein Backfisch-Geschichte", so Stella K. Hershan heute, bewegen sich die Jugendlichen zwischen Hietzinger Hauptstraße, Karlsplatz und Rennweg. Es hat den Anschein als wollte die in New York lebende Schriftstellerin zumindest schreibend durch die verlorene Heimat wandern. Bis zum ersten Besuch in Wien hat es lange gedauert, Jahrzehnte. "Wer in das Land zurückfährt, das uns hinausgeschmissen hat, hat keinen Charakter", war nicht nur die Meinung ihres Mannes. Als ihr erster Roman "Der nackte Engel" über die Liebesbeziehung von Fürst Metternich zu einer russischen Prinzessin auch ins Deutsche übersetzt wurde und im Molden Verlag erschien, hatte sie einen Vorwand um nach Wien zu fahren. "Ich habe mir selbst gesagt, ich will das Buch in der Auslage in Wien stehen sehen." Der österreichischen Geschichte hat sich Stella K. Hershan in einem anderen Buch angenähert. "In Freundschaft Elisabeth" schildert die Geschichte von Kaiserin Sisy in Form von fiktiven Briefen und ist der Versuch die zutiefst verletzte Frau, die von ihrem Mann mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt worden war hinter dem Film-Mythos zu zeigen.

Die Vorsicht bei der Annäherung an die ehemalige Schule ist an diesem Tag eher auf frisch gefallenen Schnee zurückzuführen, obwohl die Erinnerungen an die Schulzeit in der Wenzgasse sind alles andere als gut. Nach der Volksschule, die Stella K. Hershan in der Freien Schule genossen hat, wo nach der Methode von Montessori unterrichtet wurde, empfand sie die Schule in der Wenzgasse als einengend. "Ich war keine gute Schülerin", erzählt Frau Hershan vor SchülerInnen einer 6. Klasse und berichtet ihre Lust am Lernen, die sie erst viel später entdeckt hat.

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Ihr erstes selbstverdientes Geld hat sie mit dem Verkauf von Kosmetikartikeln für Elisabeth Arden verdient, daneben hat sie die Universität in New York besucht und an der New School of Social Research hat sie Kurse für Psychologie, Geschichte und kreatives Schreiben belegt.

Im Handbuch des literarischen Exil im 20. Jahrhundert von Martin Tucker steht zwischen Stefan Hermlin und Hermann Hesse der Name von Stella Hershan. Doch sie selbst sieht sich als "popular writer" und Frauen in der Geschichte seien ihr Thema, weil diese von den Historikern immer entweder vergessen oder irgendwie falsch dargestellt werden.

Am Ende des Besuches in der Wenzgasse überreichen Professorinnen der ehemaligen Schülerin das Zeugnis aus dem Jahr 1927. Stella K. Hershan kann es fast nicht glauben, ich war ja gar nicht eine so schlechte Schülerin. Sogar eine Eins in Naturgeschichte, wo sie doch gerade in diesem Fach ihre besonders schlechten Erinnerungen pflegt. Nur die 4 in Turnen ist eine Bestätigung ihrer Aversion.

Überraschungen erlebt Stella K. Hershan bei ihrem Besuch noch einige, der Besuch in ihrem ehemaligen Elternhaus in der St. Veitgasse 19, wo sie von den Bewohnern überaus freundlich empfangen wurde, das Denkmal für die zerstörte Synagoge, wo sie 1933 geheiratet hat und nicht zuletzt die Möglichkeit, in einem Radiointerview in der Sendung "Von Tag zu Tag" über ihr Leben zu erzählen und HörerInnen fragen beantworten zu können.

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In diesem Radiointerview wurde Stella K. Hershan auch gefragt wo ihre Heimat sei und ob die Wunden jemals verheilen könnten. Die Antwort war klar und ohne Zögern: "Es gibt keine offene Wunden mehr, nur mehr Narben. Und mein home ist in New York, meine Heimat ist Wien."

Die Freude über die Anerkennung und Zuwendung in der "Heimat" endet jedoch nicht mit dem Besuch in Wien, denn zurückgekommen in New York findet sich im Postkasten in der Wohnung in der Fivth Avenue ein persönlicher Brief von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer, der zum Geburtstag gratuliert.