Jiddisches Theater

Jiddisches Theater in Wien: Poesie aus alten Wurzeln

Vom Judentum und von den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern sind für Wien viele Anregungen, humanistische Impulse und Leistungen erbracht worden. Vor allem die Wiener Kultur des 19. Jahrhunderts, des fin de siècle und der Zwischenkriegszeit wurde durch diese Einflüsse entscheidend geprägt. Es waren aber nicht nur Literatur, Bildende Kunst und Wissenschaft, die von der jüdischen Kultur wichtige Anregungen erfuhren. Auch das jüdische Alltagsleben mit seinen Traditionen, seinen rituellen und profanen Ausdrucksformen hat das Wienerische sehr stark geprägt und sich in vielfältiger Weise mit dem Wienerischen zu einem untrennbaren Ganzen verbunden.

Wien ist eine Stadt, in der es eine lange Tradition der Eingemeindung und Einnistung des vormals „Fremden“ gibt, eine Geschichte, in der das „Andere“ zu einem Teil des „Eigenen“ wurde. Auf der Suche nach den historischen Wurzeln des „Ur-Wienerischen“ gelangt man geradewegs nach Prag, Brünn, Budapest, Mailand und last but not least nach Czernowitz.

Der Kanon wienerischer Typen und Eigenschaften wird bis heute durch aus dem Jüdischen kommende Begriffe formuliert. Man denke nur an viele Begriffe, die das Wienerische in seiner Breite und Tiefe zum Ausdruck bringen: Das Wiener Beisl kommt vom jiddischen „Beisz“, der Hawara vom hebräischen „Chawer“; Wien ist aber auch der Ort, wo es die Chance auf „Mezzien“ gibt, wo man aber auch vielfältige „Zores“ hat; manches Ungemach kann man abwenden, indem man „Schmates“ gibt; aber natürlich muss man „Mazel“ haben, und nicht immer kann man um den heißen Brei herumreden; manchmal ist „Tachles“ reden angesagt. Im Judentum war die Verbindung zwischen der Weisheit der schriftgelehrten Rabbiner und der Volksweisheit noch viel enger als zum Beispiel im Christentum. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass das Wienerische so viel von der rabbinischen Weisheit aufgenommen hat.

Die Vertreibung der Juden durch die Nazis hat der Kulturstadt, der Kunststadt, der intellektuellen Stadt, der Lebenskulturstadt Wien, damit aber auch dem Wienerischen selbst eine schwere Wunde zugefügt. Verletzung, Narben und Erinnerung sind geblieben. In der Geschichte gibt es aber immer auch die „longue duree“, die bewirkt, dass auch Qualitäten die Chance haben, sich aus alten Wurzeln zu neuer Blüte zu entfalten. Und wir können in Wien tatsächlich stolz sein auf neue Blüte und Akzentuierung eines jüdischen Lebens und einer jüdischen Kultur. Es gibt ein breites neues Spektrum eines jüdischen Alltagslebens zwischen Religiosität, Tradition und einem auf Innovation ausgerichteten Geist.

Seit 15 Jahren gibt es in Wien ein Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung und seit 10 Jahren eine Jiddische Theaterwoche. Bei beiden Initiativen war und ist Prof. Kurt Rosenkranz ein wichtiger Ideen- und Impulsgeber und Motor. Die Stadt Wien ist ihm dafür zu großem Dank verpflichtet. Zu danken ist auch Frau Mag. Brigitte Ungar-Klein für ihre engagierte Leitung des Jüdischen Institutes für Erwachsenenbildung, ihrer Mitarbeiterin Frau Elisabeth Nuler sowie Sharon Nuni und Milli Segal, die gute Geister dieser Institution sind.

Die Liebe zum Theater und zu theatralischen Präsentationen hat bewirkt, dass das Theater in Wien für eine zentrale Metapher der Unterhaltung steht. Wenn man sich hierorts gut amüsiert, dann „hat man ein Theater“ gehabt; wenn man allerdings in ein Kommunikationsgeschehen involviert wurde, durch das man sich belästigt fühlte, dann hat man den Eindruck, dass man „ganz schön einetheatert“ worden ist.

Die Jiddischen Theaterwochen, die Jahr für Jahr die Poesie dieser Gattung zeigen, leisten einen wichtigen Beitrag, dass die schillernde Vergangenheit des Jiddischen Theaters auch eine Zukunft hat.