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RECHTS-extrem? - Die VHS fragt nach

29.11.2018

ExpertInnen über das Phänomen Rechtsextremismus

Seit September widmet sich die VHS Reihe "RECHTS-extrem?" der Aufklärung über Rechtsextremismus und zeigt Gegenstrategien auf.
Die Abschlussveranstaltung und gleichzeitig auch der Höhepunkt des Themenschwerpunkts findet am 4. Dezember um 18:30 Uhr (Veranstaltungszentrum Mariahilf) in Form einer prominent besetzten Podiumsdiskussion "Europa geht nach rechts - was können wir gegen Rechtsextremismus tun?" statt. Eintritt frei!

Wir haben drei ExpertInnen, die an der Konzeption und Organisation dieser gesellschaftspolitischen Reihe mitgearbeitet haben, zum Thema Rechtsextremismus befragt.
„Rechtsextreme sind keine Naturgewalten, die unaufhaltsam sind“
VHS: In der Reihe „Rechts-extrem“ ging es sehr stark um einen Rechtsruck in der Gesellschaft. Was ist damit gemeint?

Natascha Strobl: Wir können in ganz Europa einen Rechtsrutsch oder zumindest eine Stärkung rechter, autoritärer und rechtsextremer AkteurInnen beobachten: Schweden, Dänemark, Polen, Ungarn, Frankreich, Schweiz - um nur einige Beispiele zu nennen. In Österreich und Deutschland sind rechtspopulistische Parteien und extrem rechte AktivistInnen besonders präsent: Die Alternative für Deutschland hat den Einzug in das deutsche Parlament geschafft – als drittstärkste Kraft. Die Freiheitliche Partei Österreichs ist drittstärkste Partei geblieben, stellt aber in Koalition mit der ÖVP den Vizekanzler und kontrolliert das Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium. Im FPÖ-Klub sitzen mehr Burschenschafter als Frauen, die Liederbuch-Affären im Falter haben einmal mehr gezeigt, wie tief Antisemitismus in die Burschenschaften eingeschrieben sind. Über vierzig rechtsextreme, rassistische oder antisemitische Vorfälle aus den Reihen der FPÖ gab es seit Regierungsantritt.

VHS: Und ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

Kathrin Glösel: Seit den 1980er-Jahren erleben wir Prozesse der Entdemokratisierung. Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen haben viel mehr Gewicht bekommen. Auch die mediale Inszenierung politischer AkteurInnen. Soziale Sicherungssysteme wurden und werden abgebaut. Das Vertrauen in Demokratie und herrschende Parteien hat abgenommen. Und Phänomene wie die Finanz- und Wirtschaftskrise und die Antworten durch die Europäische Union haben Ungleichheiten und Unsicherheit, die Angst vor sozialem Abstieg noch verschärft. Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien, Organisationen und Bewegungen nutzen diese vorgefundene Situation. Sie greifen soziale Fragen auf, ihre Erzählungen und Antworten sind aber ethnisiert und eingefasst in ein autoritäres Gesellschaftsbild, das Hierarchien und Ungleichbehandlung will. Rechtsextreme Narrative und Begriffe wie die „Festung Europa“ oder Forderungen nach sogenannter „Remigration“ sind heute in der Mitte der Gesellschaft und im Mainstream der politischen Debatte angekommen. Debatten um Migration, Menschenrechte, Religion, Reichtum und soziale Fragen werden rassistisch und sozialdarwinistisch gerahmt. Das alles ist bitter. Nichtsdestotrotz sind wir überzeugt: Rechtsextreme sind keine Naturgewalten, die unaufhaltsam sind. Man kann sie aufhalten, wobei am Beginn mal das Ziel steht, wachsam zu sein, ihre Ideologie und deren Folgen zu zeigen und schlussendlich, unbequem zu werden. Das alles mit geeinten Kräften.

VHS: Was kann man tun, um unbequem für Rechtsextreme zu sein?

Julian Bruns: Es gibt leider kein Patentrezept. Aber es gibt viele gute Ideen, es gibt Erfahrungen, aus denen man lernen kann und Wissen, das genutzt werden kann. PolitikerInnen können Ansprechpersonen für zivilgesellschaftliche Initiativen und Bündnisse sein. Sie können ihre Öffentlichkeit nutzen, um Veranstaltungen der extremen Rechten zu thematisieren und breitenwirksam zu kritisieren, um über Übergriffe zu berichten und Wissen, das investigative JournalistInnen oder AktivistInnen recherchiert und veröffentlicht haben, auf politischer Ebene zu problematisieren. Bildungsarbeit – egal ob in Gewerkschaften, Schul-Workshops, der Erwachsenenbildung – ist ein wichtiger Bereich. Der gehört auf jeden Fall gefördert. SozialarbeiterInnen gehören unterstützt: Statt sie immer nur einzusetzen, wenn schon Feuer am Dach ist, sollte schon präventiv angesetzt werden, wenn Menschen gefährliche Einstellungen an den Tag legen und diese ausleben. Und auch als Einzelperson kann man etwas tun. Man kann sich antifaschistischen Bündnissen anschließen, selbst über rechtsextreme AkteurInnen recherchieren, Kritik üben. Jeder hat eine Stimme. Arenen gibt es viele, es kommt darauf an, in den Arenen zu kämpfen, die für einen selbst passen.

Natascha Strobl hat in Wien Politikwissenschaften und Skandinavistik studiert und ist Rechtsextremismus-Expertin.
Julian Bruns hat Skandinavistik, Germanistik und Philosophie studiert und schreibt an seiner Dissertation über „faschistische Literatur in Nordeuropa“.
Gemeinsam mit Kathrin Glösel haben sie das Buch „Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“ publiziert.

Buchtipps:
Die Identitären von Kathrin Glösel, Natascha Strobl, Julian Bruns
UNBEUGSAM & UNBEQUEM von Kathrin Glösel, Hanna Lichtenberger