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Gedanken über Schneeglöckchen

Elisabeth Schrattenholzer über Louise Glücks Gedicht

15.03.2021
Die Schriftstellerin Dr. in Elisabeth Schrattenholzer 

Ein Ausschnitt aus der Marathonlesung "Wir lesen Nobelpreis. Wir lesen Louise Glück", die im November 2020 in der VHS Hietzing stattgefunden hat. 

Gedichte sind Kommunikationsangebote. Sie sprechen zu uns. Sogar in doppeltem Sinn begegnet uns dieses Phänomen im Gedichtband The Wild Iris von Louise Glück. Die Dichterin gibt nicht nur der titelgebenden Wilden Iris ein Ich und eine Stimme. Zu uns sprechen auch Waldlilie, Taubnessel, Klematis, Birke, Blaustern, Krokus, Veilchen, Borstenhirse, Feldblumen, Klee, Rosen, Lilien und viele andere. Einige Gedichte führen durch das Jahr. Titel wie Ende des Winters, April, Mittsommer, Ende des Sommers, und Dämmerung im September signalisieren das. Durchwirkt ist diese Zeitlinie auch mit Stationen eines einzelnen Tages: Klarer Morgen, Abnehmendes Licht oder Sonnenuntergang.

Snowdrops gehört, wie zu erwarten ist, in den frühesten Frühling.

Der Titel des Gedichtes ist ein Lehrbeispiel dafür, welche Fülle an Eindrücken bereits ein einzelnes Wort auslösen kann. Auch wenn das englische und das deutsche Wort dieselbe Blume bezeichnen, bringen ihre jeweiligen Namen doch ganz unterschiedliche Resonanzräume in Bewegung.

Das deutschsprachige Gegenstück zu Snowdrops heißt Schneeglöckchen, ein Wort, das durch die Verkleinerungssilbe -chen ebenso wie durch den Dreiertakt mit der Vokalfolge e-ö-e etwas Leichtes, anmutig Zierliches nahelegt. Ein Glöckchen hängt auch sinnvollerweise in der Luft und lässt zarte Klänge erwarten. Ein längeres Nachspüren, welche Konnotationen, Assoziationen und seelische Echoräume durch Schneeglöckchen eröffnet werden, bringt vielleicht Wörter wie Schneeflöckchen, Weißröckchen und damit Lieder und Kindheitserinnerungen ins Bewusstsein. Das weckt dann die entsprechenden Emotionen und weitere Bilder.

Völlig anders verläuft der Einstieg in das Gedicht durch die Bezeichnung Snowdrops. Zwei schwere Silben mit der Vokalfolge o-o. Beim Aussprechen wird die Stimme fast automatisch tiefer. Das bringt, ebenso wie das unweigerlich anklingende Bild des tropfenden Schnees eine Bewegung von oben nach unten ins Erleben. Dadurch eröffnen sich Erwartungsräume, in denen eher Schwere eine Rolle spielt als Leichtigkeit. Die Lenkung der Vorstellungen führt in weiterer Folge nicht nur auf den Erdboden, sondern möglicherweise auch in die Erde. Und vom trostlosen Verharren dort handelt ein wesentlicher Teil des Gedichtes.

SNOWDROPS
Do you know what I was, how I lived? You know
what despair is; then
winter should have meaning for you.

Sie können alle Beiträge der Marathonlesung nachsehen.
30 Stunden nonstop  

Mehr dazu im Video und in Kürze auch als Buch

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