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Nach COP30: Energie- und Klimagerechtigkeit aus der Sicht Amazoniens.

05.12.2025
16. Dezember 2025, 17:00 – 19:00 Uhr 
Universität Wien, NIG, Konferenzraum IPW (A 0222) / 2 St., Universitätsstraße 7, 1010 Wien
Lateinamerika Kolloquium mit indigenen Aktivist*innen:
Cleidiane Vieira, Sueyla Malcher Bezerra, Raphael Souza Alves, Initiator*innen des Cúpula dos Povos, eines zivilgesellschaftlichen Parallelgipfels zur COP30 in Belém, Brasilien; Aktivist*innen des Movimento dos Atingidos por Barragens

Kommentar: Simon Lobach, Universität Wien
Moderation: Marieta Kaufmann, Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar

Die COP 30 in Amazonien schärft den Blick auf die Widersprüche im Klimaschutz. Im November 2025 war Belém im Herzen des Amazonasgebiets Gastgeber der COP 30 – ein symbolträchtiger Ort, der die globalen Klimadebatten mit der Realität der lokalen Bevölkerung konfrontiert. Während Regierungen und Konzerne über Emissionsziele verhandeln, kämpfen indigene Gemeinschaften, Flussanwohner*innen und Kleinbäuer*innen seit Jahrzehnten gegen Landraub, Vertreibung und Umweltzerstörung. Besonders bekannt wurde in Österreich das Kraftwerksprojekt Belo Monte, das tausende Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubte, indigene Völker und deren Territorien schädigte und Flussökosysteme irreversibel zerstörte. Der Abbau von Transition Minerals – Rohstoffe für die Energiewende – führt zu neuem Bergbau in der Amazonasregion.

Das MAB (Movimento dos Atingidos por Barragens), eine brasilienweite Bewegung von Staudammbetroffenen, gehört zu den Initiator*innen eines zivilgesellschaftlichen Parallelgipfels (Cúpula dos Povos) im November 2025 in Belem/Brasilien, um die Stimmen der Betroffenen und ihre Lösungsansätze sichtbar zu machen. Sie kritisiert die zerstörerischen Auswirkungen großer Wasserkraftwerke auf Mensch und Umwelt und ist Teil von Klimagerechtigkeitsbewegungen, um falsche Lösungen im Kampf gegen die Klimakrise zu kritisieren und eine gerechtere Politik einzufordern. In diesem Kolloquium berichten sie über ihre aktivistische Arbeit und Erfahrungen bei der internationalen Klimakonferenz COP30 in Brasilien. Sie geben Impulse zu den Widersprüchen des Klimaschutzes und der Rolle der EU im globalen Süden. Sie analysieren folgende Frage: Welche Formen der Solidarität und alternativer Wirtschaftsmodelle gibt es, um die Schwächsten stärken zu können?

Cleidiane Vieira ist seit ihrem 16. Lebensjahr Aktivistin des MAB. Sie war selbst von dem Castanhão-Damm im brasilianischen Bundesstaat Ceará betroffen. Mit einem Abschluss in Journalismus war sie bis 2011 in der Organisation des MAB in der Nordostregion Brasiliens tätig, bevor sie in den Bundesstaat Pará im brasilianischen Amazonasgebiet zog. Dort war sie im Widerstand gegen Wasserkraftprojekte am Tapajós-Fluss aktv. Im Jahr 2014, auf dem Höhepunkt des Baus des Belo-Monte-Wasserkraftwerks, zog sie nach Altamira, um die Basisorganisation der Betroffenen im Kampf um ihre Rechte zu unterstützen. Seit 2016 koordiniert sie die Bewegung als Teil des nationalen Koordinationsteams heute von Belém aus. Ihr Fokus liegt auf der Umsetzung von Projekten und der politischen Interessenvertretung in der Amazonasregion. Sie vertritt MAB auch bei zivilgesellschaftlichen Foren in pan-amazonischen und internationalen Räumen, wie z.B. der COP30 in Brasilien. 

Sueyla Malcher Bezerra ist Agraringenieurin und hat einen Master in nachhaltiger Entwicklung. Ihre Expertise liegt in den Bereichen Agrarökologie, Familienlandwirtschaft und traditionelle Gemeinschaften. Sueyla, die in Barcarena im brasilianischen Bundesstatt Pará am Ufer des Flusses Itaporanga aufwuchs, hat eine tiefe Beziehung zu den Flüssen des Amazonasgebiets. Als Mitglied von MAB konzentriert sie sich auf die Unterstützung von Frauen und Kindern.

Raphael Souza Alves ist ein Community Educator mit umfassender Erfahrung in Sozial- und Bildungsprojekten. Er hat Philosophie studiert und war in der Jugendpastoral und der Gewaltprävention in Schulen in Brasilien und anschließend Mosambik tätig, wo er sich auch in der Leitung einer Landwirtschaftsschule engagierte. Nach seiner Rückkehr nach Brasilien studierte er Ländliche Bildung und wurde Teil des Ausbildungsteams des „Centers for Popular Education and assistance“ (CEAP). Seit 2022 Mitglied bei MAB, unterstützt er die Exekutivkoordination für soziale Projekte.

Simon Lobach ist Umwelthistoriker mit Fokus auf soziale und ökologische Aspekte des Bergbaus und des Rohstoffabbaus; Post-doctoral researcher, Geneva Graduate Institute, Schweiz; Research Fellow im Forschungsbereich Internationale Politik/Forschungsgruppe Lateinamerika, Universität Wien. Er promovierte am Genfer Graduierteninstitut über die sozio-ökologische Geschichte der Aluminiumproduktion im Amazonasgebiet. Derzeit ist er Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) an der Universität Wien und engagiert sich in der Initiative Scaling Up Agroecology (Scalagro) in Genf. Er hat Abschlüsse in Geschichte, Lateinamerikastudien und Internationalen Beziehungen / Genf und Leiden, verfügt über mehrjährige Erfahrung in der multilateralen Umweltzusammenarbeit und hat in den Niederlanden, der Schweiz, Brasilien, Kuba und Norwegen gelebt.

Marieta Kaufmann, Referentin für Projektkooperationen in Brasilien der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar

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Die Klimakrise und Umweltzerstörung treffen die Schwächsten hart
Die Auswirkungen der Klimakrise bekommen in Brasilien vor allem diejenigen am stärksten zu spüren, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben. Dammbrüche wie in Mariana (2015) und Brumadinho (2019) zeigen, wie Umweltverbrechen ganze Regionen nachhaltig schädigen: Menschen und Umwelt in den betroffenen Gebieten werden Jahrzehnte brauchen, um sich erholen. Bis heute sind Flüsse kontaminiert, und Betroffene warten auf Gerechtigkeit. Gleichzeitig verschärft der unregulierte Bergbau die Krise: Indigene Territorien werden für den Abbau geopfert, während die Gewinne die Regionen Großteils verlassen. Der Amazonas leidet unter extremen Dürren und Überschwemmungen, die das Leben der Flussanwohner*innen massiver erschweren.

Europas Verantwortung: Solidarität statt Ausbeutung
Österreich und Europa beziehen Rohstoffe aus Brasilien – oft ohne die sozialen und ökologischen Auswirkungen zu hinterfragen. Projekte wie Belo Monte oder der Bergbau im Amazonas zeigen: Der globale Norden profitiert von Umweltzerstörung, während der globale Süden die Last trägt. MAB fordert eine radikale Wende – weg von Ausbeutung, hin zu einer Wirtschaft, die Menschenrechte und Natur respektiert. Die COP 30 könnte ein Weckruf sein, doch echter Wandel braucht internationale Solidarität. Wie können wir in Österreich dazu beitragen, dass die Stimmen der Betroffenen gehört werden – und dass zerstörerische Megaprojekte zur Energiegewinnung und Rohstoffausbeutung nicht länger im Namen des „Fortschritts“ und neuerdings auch verstärkt im Namen des Klimaschutzes legitimiert werden?

Eine Veranstaltung der Forschungsgruppe Lateinamerika der Universität Wien, in Kooperation mit der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, horizont3000, Akademie für Gemeinwohl und dem Österreichischen Lateinamerika-Institut.


Die Veranstaltung findet auf Portugiesisch und Englisch statt – mit Simultandolmetsch auf Deutsch. 

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