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Die Aztek*innen

Eine Vortragsreihe des Österreichischen Lateinamerika-Instituts in Kooperation mit dem Weltmuseum Wien.

Die „Aztek*innen“ – die sich selbst Mexica nannten – stellten im frühen 16. Jahrhundert die hegemoniale Macht in weiten Teilen des heutigen Mexikos dar. Sie und andere zentralmexikanische Nahuatl-sprachige Bevölkerungsgruppen (auch unter dem Begriff Nahua zusammengefasst) waren die Ersten, die im Anschluss an die Conquista (1516–1521) ihrer Ländereien beraubt und als (Zwangs-)Arbeitskräfte ins spanische Kolonialreich integriert wurden. Die große Doppelstadt Tenochtítlan-Tlaltelolco, Sitz der Mexica-Regierungseliten, wurde zum Siedlungsgebiet der Spanier*innen. Die ehemaligen Tempel zur Verehrung vorkolonialer Gottheiten wurden mit christlichen Kirchen überbaut.
Durch die folgenden Jahrhunderte der spanischen Herrschaft und durch die verschiedenen Perioden der mexikanischen Unabhängigkeit zieht sich der rote Faden komplizierter ethnischer Beziehungen. Mexikos indigene Kulturen wurden entrechtet, beraubt, unterdrückt und dennoch zu einer der Säulen der nationalen Identität erhoben. Rassismus und mythische Verklärung stehen nebeneinander und im steten Kontrast zu den schwierigen Lebensumständen der meisten indigenen Mexikaner*innen. Dieses widersprüchliche Verhältnis prägt das Land bis in die Gegenwart.
Begleitend zur laufenden Ausstellung Azteken im Weltmuseum Wien gewähren eine Reihe von Online-Vorträgen einen vertiefenden Einblick in Geschichte und Gegenwart dieser mexikanischen Hochkultur.

Ein neuer Blick auf die Geschichte und das kulturelle Erbe Mesoamerikas

Eröffnungsvortrag von Georg Grünberg
Dienstag, 19. Jänner, 19:00 Uhr

Begrüßung und Einleitung:
Christian Schicklgruber, Direktor Weltmuseum Wien
Andrea Eberl, Direktorin Österreichisches Lateinamerika-Institut
Die gewaltsame Begegnung zwischen den Europäer*innen und den „Aztek*innen“ in Mexiko und Mittelamerika ist nicht nur Gegenstand der Geschichtsforschung und der Darstellung in Museen, sondern hat Auswirkungen in Gesellschaft und Politik bis in die Gegenwart. Dabei geht es um gesellschaftspolitisch relevante Fragen zur räuberischen Aneignung von Kulturgütern, um die Notwendigkeit der Anerkennung von Kultur und Wissen der indigener Völker sowie um die gemeinsamen Strategien zur Erforschung einer der bedeutendsten Zivilisationen der Menschheit.
In diesem einführenden Vortrag sollen einige der herausragenden Aspekte dieser bis in die Gegenwart reichenden Weltsichten und kulturellen Praktiken kritisch beleuchtet und in Hinblick auf die großen Probleme unserer Gesellschaft sowie globaler Beziehungen hinterfragt werden. Es ist nicht nur die Vergangenheit, die unser Interesse wecken soll, sondern auch die gemeinsame Zukunft der jeweils „Anderen“ in einer zunehmend „enger“ werdenden Welt. Es geht um ein Weltbild, bei dem Zeit und Raum zusammenfallen, in dem Unterschiedlichkeiten geschätzt und gepflegt werden, aber „Einheit“ nicht als Wert angesehen wird. Das führt zur Ablehnung eines Geschichtsbildes, in dem Indigene immer die Opfer und die „Anderen“ die Sieger sind sowie Religiosität auf nur einen Glauben beschränkt ist. Die Bedeutung kultureller Diversität, der Dialog zwischen unterschiedlichen Wissenssystemen und eine Anthropologie aus dem globalen Süden sind die heute relevanten Themen, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahmen.
Dr. Georg Grünberg, geboren in Wien, ist Ethnologe und hat in Wien und São Paulo studiert, wobei indigene Völker in Lateinamerika im Mittelpunkt seines Interesses stehen. Forschung und Lehre in Brasilien, Paraguay, Mexiko, Nicaragua und Guatemala. Derzeit Lektor an der Universität Wien und Konsulent für internationale Kooperation im Bereich Umwelt und Gesellschaft in Lateinamerika.
Hier können Sie den Vortrag in voller Länge nachschauen:
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Die Aktualität der Conquista

Vortrag von Alejandra Barrera und Jürgen Stowasser im Rahmen der Vortragsreihe „Die Aztek*innen“
Dienstag, 26. Jänner, 19:00 Uhr
Handelt es sich bei der Conquista um ein historisches Ereignis, das mit der Niederlage der Mexica 1521 seinen Abschluss findet? Oder ist sie als Prozess zu verstehen, der bis in die Gegenwart reicht und dessen Bedeutung immer wieder neu ausverhandelt wird? In diesem Vortrag wird der Frage nachgegangen, wie die Conquista in unterschiedlichen Kontexten als Bezugsrahmen für die Gegenwart und als fortwährender Konflikt interpretiert wird. Es werden neue Perspektiven der Forschung vorgestellt. Eine Besonderheit des kolonialen Mexikos ist die Fülle an historischen Quellen, in denen die Stimmen der Eroberten dokumentiert sind. Indigene Historiker verfassen Geschichtswerke auf Nahuatl, Gemeinden wehren sich vor Gericht gegen koloniale Repression und Spezialist*innen in heimischen Schriftsystemen (Tlahcuilōlli) hinterlassen rund 500 Manuskripte (einige davon befinden sich heute in Wiener Sammlungen). Die Erschließung dieser Quellen macht die Eroberten als aktiv Handelnde sichtbar und ermöglicht neue Sichtweisen auf Eroberung und Kolonialisierung.
Indigene Aktivist*innen, der mexikanische Präsident oder Hispanics (Latinx) in den USA beziehen sich auf die Conquista und ihre Bedeutung für die Gegenwart – die Folge sind mitunter kontroverse Debatten um Deutungshoheit und aktuelle Konsequenzen. In diesem Kontext wird der Frage nachgegangen, wie es um das aztekische Erbe in Mexiko-Stadt jenseits von Ruinen und Museumskollektionen steht? Dorfgemeinschaften an der Peripherie der Megacity sind von sozialen und kulturellen Strukturen geprägt, die in die Zeit vor der Eroberung zurückreichen. Dabei handelt es sich nicht um „Überbleibsel“, sondern um zentrale Werte und Institutionen der Dorfgemeinschaft, wie kollektiver Grundbesitz oder lokale Erinnerungskultur. Durch die urbane Expansion geraten diese Dörfer zunehmend in den Fokus von Investor*innen und Stadtplaner*innen. Golfplätze zwischen Maisfeldern, kollektiver Landbesitz neben neu errichteten Gated Communities, der Kampf um Wasserrechte und den Erhalt lokaler Waldgebiete – in solchen Konflikten spielen das mesoamerikanische Erbe und die Conquista als „kollektive Erinnerung“ eine zentrale Rolle.
Mag.a Alejandra Barrera, Doktorandin Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, WU-Wien („Urban Conflicts and the ‚Pueblos Originarios‘-Model in Mexico City“). Master Peace Studies, Universität Innsbruck. Mesoamerika-Arbeitskreis Universität Wien.

Jürgen Stowasser, Mesoamerika-Arbeitskreis der Universität Wien. Forschungsschwerpunkt: Frühe Kolonialzeit, Rolle von Sprache und Übersetzung bei der Kolonialisierung, aztekisches Schriftsystem (http://meso.univie.ac.at).
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„Ohne Mais stirbt die Seele“. Mais im Zentrum von Ökonomie, Religion und Identität

Vortrag von Patricia Zuckerhut
Dienstag, 23. Februar, 19:00 Uhr
„Ohne Mais stirbt die Seele“, sagt ein Nahua-Ritualist der Sierra Norte (Mexiko) und bringt damit ein Grundprinzip indigener mesoamerikanischer Identität zum Ausdruck. Mais spielt eine zentrale Rolle in der Ökonomie wie auch der Religion. Mais ist die Quelle des Lebens und die gemeinsame Essenz zwischen Pflanze und Mensch. Für Nahua ist Mais ein Geschenk von Sentiopil (Christus) an die Menschen, das sie täglich in Form von Tortillas konsumieren. Die Fähigkeit, Tortillas herzustellen, ist eine wesentliche Voraussetzung für eine Frau, um heiraten zu können und gleichzeitig ein wesentliches Merkmal der erwachsenen Frau an sich. Ein eigenes Maisfeld zu haben, kennzeichnet hingegen den erwachsenen Mann.
Im Vortrag von Patricia Zuckerhut wird auf die Bedeutung des Maises bei Nahuat-sprachigen Menschen in Mexiko mit starken Bezügen auf die vorkoloniale Vergangenheit eingegangen, ebenso wie auf seine Verankerung im indigenen mesoamerikanischen Weltbild. Der Fokus des Vortrages liegt dabei in den Geschlechterbeziehungen und gewährt einen interessanten Einblick in die Facetten dieser bedeutungsvollen mexikanischen Hochkultur.
Priv.Doz.in Dr.in Patricia Zuckerhut, Senior Lecturer am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, war Leiterin des Interdisziplinären Universitätslehrgangs für Höhere Lateinamerika-Studien der Universität Wien. Mitglied der Forschungsgruppe „Geschlecht – Macht – Kultur: Anthropologische Perspektiven?“ Mitarbeit im Forschungsverbund „Lateinamerikaforschung“ an der Universität Wien.
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Indigenismus und die Paradoxien der Patrimonialisierung des Aztekischen

Vortrag von Diego Freudenthaler
Dienstag, 23. März, 19:00 Uhr
Seitdem der „Indigenismus” die Überreste der aztekischen Zivilisation von einer Ansammlung archäologischer Fundstücke in ein Fundament der Nation transformierte, sind insbesondere die Nahuatl-sprachigen Indigenen Mexikos mit grundlegenden Widersprüchen konfrontiert. Als lebende „Wurzeln“ sind sie sowohl zeitgenössische Nachkommen der „Azteken*innen“ als auch historisches „Kulturerbe“ der mestizischen Mehrheitsbevölkerung. Für viele Nahua bedeutet dies Bürde und Kapital zugleich: das Kapital, eine Differenz beanspruchen zu können, welche sie im Herzen der Nation positioniert und die Bürde, einem stilisierten Bild der „authentischen Aztek*innen“ entsprechen zu müssen. Der Vortrag thematisiert einige dieser Ambivalenzen, welche nach wie vor die Position heutiger Indigener prägen.
Mag. Diego Freudenthaler, Masterabsolvent am Institut für Kultur - und Sozialanthropologie der Universität Wien. Er erforscht die Schnittstelle zwischen Identität, Politik, und Ökonomie in den „small spaces of life“ wie auch in größeren historischen Formationen Mexikos, mit besonderen Fokus auf die Beziehung zwischen Indigenen und Mestizen*innen.
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Die Vortragsreihe ist eine Kooperation des Österreichischen Lateinamerika-Instituts und dem Weltmuseum Wien.
Teilnahme: frei
Anmeldung per Mail an:
info@weltmuseumwien.at
office@lai.at