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WISSENSCHAFTSblog

17.04.2020

Diamond Princess: Was uns ein Kreuzfahrtschiff über COVID-19 lehren kann

Celine Wawruschka

Je länger die Regierungsmaßnahmen aufgrund der durch das Coronavirus ausgelösten Pandemie andauern, desto mehr verbreiten sogenannte alternative Medien und selbsternannte Experten zweifelhafte Fakten und vermeintliches Wissen. An dieser Stelle informieren wir Sie einmal wöchentlich über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Coronavirus. Die Informationen stammen aus dem Newsletter aus Nature, einer der weltbesten wissenschaftlichen Zeitschriften, die seit 1869 veröffentlicht wird. Die Inhalte sind zusammengefasst und ins Deutsche übersetzt, unter jedem Blogbeitrag findet sich der Link zu den englischsprachigen Originalveröffentlichungen. 


In unserem ersten Beitrag informieren wir Sie über die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, die den Ausbruch von COVID-19 – wie die durch das Coronavirus ausgelöste Krankheit heißt – auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess untersucht haben. Das ist vor allem deshalb interessant, weil hier der Ausbruch der Krankheit auf geschlossenem Raumgleich kontrollierten Bedingungen in einem Labor, beobachtet werden konnte.


Die Erkenntnisse über COVID-19 auf der Grundlage eines Kreuzfahrtschiffs unter Quarantäne

Am 26. März 2020 wurde im Newsletter von Nature ein Artikel über den Ausbruch von COVID-19 auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess veröffentlicht [1]: Am 1. Februar wurde ein ehemaliger Passagier dieses Kreuzfahrtschiffs in Hongkong positiv auf den Coronavirus getestet. Daraufhin wurde das Schiff am 3. Februar in Japan unter Quarantäne gestellt. Auf dem Schiff befanden sich 3.177 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Innerhalb des nächsten Monats infizierten sich mehr als 700 Menschen an Bord mit dem Coronavirus, darunter eine Krankenschwester. Für einige Wochen stellte der COVID-19-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff den größten Ausbruch dieser Krankheit außerhalb Chinas dar. Die japanischen Behörden führten mehr als 3.000 Tests an Bord durch. Zuerst wurden ältere Passagiere und jene mit Symptomen getestet. Einige Passagiere wurden mehr als einmal getestet. Das Testen nahezu aller Anwesenden an Bord des Schiffes half den Wissenschaftlern Einsichten in den Verbreitungsmechanismus des Virus zuerhalten. Vor allem aber konnten Informationen darüber gewonnen werden,wie viele Menschen infiziert wurden, wie viele Menschen milde oder auch gar keine Symptome entwickelten. Die beiden letzten Gruppen gehen in den Testreihen einer Bevölkerung oftmals unter.

Schlussfolgerungen über Sterblichkeitsraten

Am 20. Februar publizierte ein japanisch-britisches Wissenschaftlerteam in der Fachzeitschrift Eurosurveillance, dass am 20.Februar 18% alle Infizierten keine Symptome aufwiesen. Bei dieser Zahl muss man jedoch auch bedenken, dass es sich bei den meisten Passagieren des Kreuzschiffes um ältere Menschen handelte [2]. Diese sind einerseits jene Gruppe, die am meisten von COVID-19 betroffen ist. Andererseits repräsentiert ein so großer Anteil älterer Menschen nicht die Realität in einer Bevölkerung. Aufgrund der Daten des Kreuzfahrtschiffs berechneten ein japanischer und ein US-amerikanischer Forscher aus demselben Team, dass die Sterblichkeitsrate bei rund 1,1% lag – und damit um einiges niedriger als die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angenommenen 3,8% [3]. Ein weiteres Forscher*innenteam am Zentrum für Mathematische Modelle von Infektionskrankheiten an der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin kombinierte die Daten der Diamond Princess mit den mehr als 72.000 bestätigten Fällen von COVID-19-Infektionen in China. Auf diese Weise wollte man sich realistisch der Sterblichkeitsrate annähern, und zwar außerhalb eines abgeschlossenen Raumes wie auf dem Kreuzfahrtschiff. Das Forscher*innenteam kam zu dem Schluss, dass die Sterblichkeitsrate in China nur bei 0,5% lag – mit dem Vorbehalt, dass manche Todesfälle nicht entdeckt wurden, weil der oder die Verstorbene keine Symptome von COVID-19 zeigte und nicht auf diese Erkrankung getestet worden war [4]. John Ioannidis, Epidemologe an der Stanford Universität in Kalifornien, fügte diesem Ergebnis hinzu, dass auch keine Daten zu Vorerkrankungen unter den Passagieren erfasst worden waren und man auch nicht berücksichtigt hatte, ob die Patienten geraucht haben oder nicht.

Schlussfolgerungen über Quarantänemaßnahmen

Das japanisch-britische Wissenschaftlerteam, das erste in der obigen Aufzählung, untersuchte auch die Auswirkungen der Quarantänemaßnahmen auf der Diamond Princess, die etwas mehr als zwei Wochen andauerten. Bis zum Eintreten der Quatantänemaßnahmen hätte eine Person bis zu sieben weitere anstecken können. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass auf einem Kreuzfahrtschiff recht beengte Platzverhältnisse herrschen und dass man sich auch auf kontaminierten Oberflächen anstecken konnte. Nach der Quarantäne fiel diese Rate auf unter eine Person. Dennoch konnten Passagiere immer noch ihre Zimmergenossen und Besatzungsmitglieder anstecken. 

Was lernen wir aus diesen Untersuchungen? Es bestätigt sich, dass der Coronavirus hochansteckend ist, insbesondere, wenn sich viele Menschen auf beengtem Raum bewegen. Und es zeigt sich, dass strikte Quarantänemaßnahmen notwendig sind, um die Ansteckungsrate von vormals sieben Personen (ohne Quarantänemaßnahmen) auf unter eine Person (mit Quarantänemaßnahmen) zu reduzieren.

Der Überblicksartikel im Nature-Newsletter endet mit einemZitat des Epidemologen John Ioannidis: „Ein Staat ist kein Schiff.“ Ich möchte dem hinzufügen: Lasst uns vorübergehend ein Schiff aus unserem Staat machen: Bleibt zuhause. Lasst uns die Kapitäninnen und Kapitäne unser aller Gesundheit sein.

Link zum Originalartikel hier.


Auch wenn die Häuser der Wiener Volkshochschulen seit Mitte März geschlossen bleiben müssen, möchten wir dennoch unserem Bildungsauftrag nachkommen. In etwas adaptierter Form, nämlich via Facebook und Blogs auf unseren Homepages, und vielleicht mit einem bisserl ungewöhnlichen Ansatz. So werden Barbara Rosenberg mit einem Buchtipp, Brigitte Neichl mit einem „historischen Geheimnis“ rund um die Urania, Celine Wawruschka mit neuesten Informationen aus dem Wissenschaftsbereich zum Thema Corona, Mario Lackner und Willy Bottemer zum Thema Lebensfreude regelmäßig in Erscheinung treten.

Doris Zametzer, Direktorin VHS Wiener Urania und VHS Landstraße


[1]Smitri Mallapat, What the cruise-ship outbreaks reveal about COVID-19, naturenewsletter, 26 March 2020: doi: 10.1038/d41586-020-00885-w.

[2]Kenji Mizumoto, Katsushi Kagaya, Alexander Zarebski und Gerardo Chowell,Estimating the asymptomatic proportion of coronavirus disease 2019 (COVID-19)cases on board the Diamond Princess cruise ship, Yokohama, Japan, 2020,Eurosurveillance 25/10, 2020:https://doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.10.2000180.

[3]Kenji Mizumoto und Gerardo Chowell, Transmission potential of the novel coronavirus(COVID-19) onboard the diamond Princess Cruises Ship, 2020, Infectious DiseaseModelling 5, 2020, 264–270: doi: 10.1016/j.idm.2020.02.003.

[4]Thimothy W. Russell et al., stimating the infection and case fatality ratio forCOVID-19 using age-adjusted data from the outbreak on the Diamond Princesscruise ship, Vorabdruck in medRxiv: https://doi.org/10.1101/2020.03.05.20031773(2020).