Kuffner Sternwarte

Die historische Kuffner Sternwarte aus dem 19. Jahrhundert, gelegen am westlichen Stadtrand von Wien, demonstriert eindrucksvoll, wie in der Astronomie vor mehr als 125 Jahren geforscht wurde. Durch den guten Erhaltungszustand der historischen Instrumente ist es heute noch möglich, den Nachthimmel wie damals zu beobachten. Die detailgetreu restaurierten astronomischen Instrumente und das Flair des historischen Gebäudes bieten für BesucherInnen ein besonderes Erlebnis. 


Was passiert in einer Sternwarte? Im Gegensatz zum Planetarium blicken wir bei Schönwetter mit Teleskopen direkt zu den Sternen und Planeten des echten Himmels. Hier entdecken wir Gasausbrüche auf der Sonne, beobachten den Mond mit seinen Kratern, die Planeten unseres Sonnensystems sowie die Welt der Sterne und Galaxien. Privatführungen, Kindergeburtstage, Firmenevents und Hochzeiten im ganz besonderen Rahmen runden das Angebot der historischen Sternewarte ab.


Die Kuffner Sternwarte bei Nacht

Technik

Der große Refraktor

Der Große Refraktor (270/3400mm) wurde 1886 auf der Sternwarte aufgestellt und ist heute das dritt größte Linsenfernrohr in Österreich. Die 27cm-Linse, ein Halbapochromat mit Luftspalt, ist im Originalzustand erhalten und liefert noch heute ein einwandfreies Bild. 1890 wurde ein fotografischer Refraktor (156/2940) parallel zum Hauptrohr moniert. Dieses Fernrohr diente Karl Schwarzschild bei seinen Beobachtungen zur fotografischen Photometrie der Sterne. Das Teleskop wurde von 1993-1995 originalgetreu restauriert und mit einer elektronischen Nachführung ausgestattet. Weitere Restaurierungen, unter anderem der Refraktorlinse, erfolgten 2017.

Das Heliometer

Das Heliometer war ursprünglich ein Instrument zur Vermessung kleiner Winkel an der Himmelskugel. Das Heliometer der Kuffner Sternwarte (217/3000mm) wurde 1896 installiert und blieb bis heute das größte Instrument dieser Art. Es besitzt eine in der Mitte geschnittene Glaslinse als Objektiv und wurde vorwiegend zur Messung von Sternparallaxen verwendet. Von 108 bekannten Fixsternentfernungen im Jahre 1910 waren 16 mit dem Wiener Heliometer gemessen worden. Das Heliometer wurde von 1995 bis 1997 restauriert. Im Sommer 2002 wurde die neue, geteilte Linse in das Instrument eingebaut.

Der Meridiankreis

Der Meridiankreis der Kuffner-Sternwarte (132/1500mm) war das größte Meridian-Passageninstrument der Monarchie. Er wurde 1886 aufgestellt und mit einem der ersten unpersönlichen Mikrometer zur Durchgangsbestimmung ausgestattet. Im Zonenunternehmen der Astronomischen Gesellschaft wurden am Meridiankreis 8468 Sterne in der Deklinationszone -6 bis -10 Grad vermessen und in den Publikationen der Sternwarte veröffentlicht.

Der Vertikalkreis

Der Vertikalkreis (81/1200mm) dient als Hilfsinstrument zum Meridiankreis. Mit seiner Hilfe lassen sich sogenannten Polhöhenschwankungen der Erde bestimmen. Diese Schwankungen spiegeln die Verschiebung der Rotationsachse der Erde in Bezug auf den Erdkörper wider und waren für genaue Meridiankreisbeobachtungen unerlässlich. Der Vertikalkreis ist ein seltenes Instrument und nur an wenigen Observatorien Europas vorhanden.

Geschichte

Die Gründung

Moriz von Kuffner, Großindustrieller und Besitzer der Ottakringer Brauerei, gründet auf Initiative von Norbert Herz 1883 eine private Sternwarte. Die erste Einrichtung umfasst einen Meridiankreis sowie den astrophysikalischen Refraktor. Norbert Herz, von 1886 bis 1891 erster Direktor der Sternwarte, beginnt an ehrgeizigen Projekten, wie etwa dem "Zonenunternehmen der Astronomischen Gesellschaft für südliche Deklinationen" mitzuwirken.

Wissenschaftliche Erfolge

Leo de Ball wird neuer Direktor (1891-1916) der Sternwarte und verleiht dem Observatorium internationales Ansehen. 8468 Sterne werden katalogisiert und in Publikationen veröffentlicht. Die Sternwarte wird erweitert, neue Instrumente werden auf der Sternwarte aufgestellt, so das größte Heliometer der Welt und ein Vertikalkreis. Der bedeutende Astrophysiker Karl Schwarzschild wirkt von 1896 bis 1899 an der Sternwarte und findet am Refraktor ein grundlegendes Gesetz zur Schwärzung photographischer Platten - den sogenannten "Schwarzschild-Effekt".

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit

Die Sternwarte bleibt bis 1928 geschlossen. Die Weltwirtschaftskrise zeigt ihre Folgen und Moriz von Kuffner überlässt der Österreichischen Akademie der Wissenschaften seine Sternwarte für Forschungszwecke. Die Akademie der Wissenschaften tritt jedoch 1933 frühzeitig vom Vertrag zurück. Das Observatorium fällt wieder unter die Obhut von Kuffner.

Schwere Zeiten (1938-1945)

Moriz Kuffner und seine Familie verkaufen die Brauerei und müssen in die Schweiz emigrieren, wo Moriz im März 1939 in Zürich stirbt. Die Sternwarte wird durch die Nationalsozialisten enteignet und für parteipolitische Zwecke genützt.

Die Sternwarte in der astronomischen Bildung

Nach dem Krieg wird die Sternwarte einer neuen Bestimmung übergeben und 1947 als Institut der Volksbildung wiedereröffnet. Die Leitung der neu gegründeten Volkssternwarte übernimmt der Chemiker Walter Jaschek. 1950 wird die Sternwarte an die Familie Kuffner rückübertragen und von dieser an eine Baugenossenschaft verkauft. Die Volkshochschule betreibt die Sternwarte sodann bis 1982.

Verein der Freunde der Kuffner-Sternwarte

Der neu gegründete Verein "Freunde der Kuffner-Sternwarte" organisiert ehrenamtlich den Sternwartenbetrieb von 1982 bis 1995. Im Jahre 1987 erfolgt der Ankauf der Sternwarte durch die Stadt Wien und von 1989-1995 die umfangreiche Renovierung und Erweiterung der gesamten Sternwarte. Die originalgetreue Restaurierung der astronomischen Instrumente beginnt 1993.

Ein neuer Aufbruch

Im Herbst 1995 beginnt der Betrieb mit hauptberuflichen Mitarbeitern und einem neuen FührungskonzeptDie Sternwarte wird im September 2002 unter eine gemeinsame Leitung mit dem Zeiss Planetarium der Stadt Wien und der Urania Sternwarte gestellt. Im September 2002 kann die Fertigstellung der Restaurierung aller astronomischen Instrumente der Kuffner-Sternwarte gefeiert werden.


Seit Anfang 2008 bildet die Kuffner Sternwarte gemeinsam mit dem Wiener Planetarium und der Urania Sternwarte die spezialisierten Einrichtungen für Astronomie innerhalb der Wiener Volkshochschulen GmbH. Seit 2013 leitet Werner Gruber die Kuffner Sternwarte.