Derzeit sind die Standorte geschlossen. Ab Juli sind wir wieder vor Ort mit mehr Angeboten denn je für Sie da. Alle Angebote finden Sie hier.
Blog

4 Fragen an den Notfallpsychologen Wolfgang Marx

15.11.2018
Gewaltdelikte wie Überfälle, Geiselnahmen, Tötungsdelikte sowie weitere plötzlich auftretende Ereignisse, die als lebensbedrohlich erlebt werden, können bei den Betroffenen zu chronischen Beeinträchtigungen im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Eine zeitnahe Unterstützung zur persönlichen Bewältigung dieser Ereignisse kann hier essentiell sein, um langfristige Folgen zu vermeiden.
Mag. Wolfgang Marx ist Kriminalpsychologe und Notfallpsychologe beim Akutteam NÖ sowie Klinischer und Gesundheitspsychologe am Anton-Proksch-Institut Wien. Er spricht am Freitag im Planetarium über die Notfallpsychologie. Wir haben ihm vorab ein paar Fragen zu seinem Tätigkeitsfeld gestellt.
Wolfgang Marx ist klinischer und Gesundheitspsychologe beim AKUTteam NÖ und beim Anton-Proksch-Institut. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Forensische- und Kriminalpsychologie, Notfallpsychologie und Sucht. © 2018, Wolfgang Marx
Herr Marx, was bezeichnet man eigentlich als Notfallpsychologie?

Die Notfallpsychologie beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten während und nach Notfallsituationen und beinhaltet spezifische, psychologische Interventionen zur Unterstützung von Menschen im Kontext außergewöhnlich belastender bzw. potentiell traumatisierender Ereignisse. Dazu gehören u.a.  Suizide, Gewaltdelikte, Unfälle oder auch Naturkatastrophen. Die Interventionen setzen in einer Akutphase in den ersten Stunden nach dem Ereignis an und werden im Bedarfsfall in der Stabilisierungsphase in den folgenden Tagen oder Wochen fortgesetzt, um weitere Folgen abschätzen und - wenn indiziert - individuelle Weiterbetreuung ermöglichen zu können.
Man kann grundsätzlich zwischen Krisenintervention und Notfallpsychologie unterscheiden. Die Krisenintervention umfasst kurzfristige, weniger spezifische Interventionen um psychosoziale Krisen zu bewältigen. Notfallpsychologisch unterstützt werden nicht nur Opfer und Angehörige, sondern auch HelferInnen und Einsatzkräfte.

Wie sieht der Alltag eines Notfallpsychologen in der Praxis aus?

Das AKUTteam NÖ, in dem ich tätig bin, ist eine eigene Einsatzorganisation zur Unterstützung von Menschen, die eben von diesen plötzlichen Schicksalsschlägen betroffen sind. Hier habe ich 24 Stunden Bereitschaftsdienste, in denen ich für einen gewissen Bereich innerhalb Niederösterreichs zuständig bin und alle Einsätze betreue, die in diesen zeitlichen Rahmen fallen. Das sind häufig Suizide, aber auch Unfälle oder Gewaltdelikte. In der Praxis bedeutet das, dass man sich nach Eingang des Notrufs direkt an den Ort bzw. die Unfallstelle begibt, um die Opfer zu betreuen. 

Ob es um psychiatrische Notfälle, Unfälle mit Verletzten und Toten oder das Überbringen einer Todesnachricht geht – HelferInnen vor Ort stehen schwierigen Anforderungen gegenüber. © 2018, pixabay.
Wie sind Sie selbst zur Psychologie gekommen?

Ich habe in der Schule bereits ein Interesse für die Psychologie entwickelt und in diesem Fach dann auch maturiert. Nach dem Bundesheer habe ich allerdings zunächst begonnen, Jus zu studieren, was mir persönlich aber schnell zu trocken und eindimensional wurde. Darum begann ich dann ein Doppelstudium mit Psychologie. Bei dieser ist für mich das Spannende, dass viele Disziplinen in einer vereint sind. Das Psychologie-Studium umfasst ein sehr breites Themengebiet, angefangen bei der Entwicklungspsychologie bis hin zur Biologie, Genetik, Psychophysik, Psychiatrie etc. und es ist möglich sich hier nach seinem eigenen Interesse weiter zu vertiefen. Das Jus-Studium war aber insofern nicht ganz umsonst, denn ohne die Erfahrung der doch für mich sehr trockenen Materie der Rechtswissenschaften hätte mich wohl die Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung im Psychologiestudium etwas abgeschreckt ;). 

Sie sind ja neben der Notfallpsychologie auch noch in der Kriminalpsychologie tätig. Ist Ihr Beruf nicht manchmal auch sehr belastend oder lernt man über die Jahre sich abzugrenzen?

Ich sehe hier vor allem zwei Aspekte als relevant an. Einerseits ist es für diesen Beruf von Vorteil, wenn man selbst ein eher ausgeglichener, emotional stabiler Mensch ist und privat keine belastete Vorgeschichte hat, somit mit schwierigen Themen auch gut umgehen kann ohne im Beruf mit seinen eigenen Problemen konfrontiert zu werden.
Andererseits hat die persönliche „Psychohygiene“ auch einen hohen Stellenwert und es ist wichtig, einen Ausgleich zu schaffen um seinen eigenen persönlichen Umgang mit diesen Themen zu entwickeln.
Eine regelmäßige Supervision, die für Notfallpsychologen verpflichtend stattfindet, ist hier zusätzlich unterstützend.

Wolfgang Marx im Gespräch mit Angelika Pointner.

Mehr zum Thema erfahrt ihr beim Science Vortrag am Freitag im Planetarium! Hier noch anmelden oder einfach vorbeikommen!