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WISSENSCHAFTSblog

Haustiere, Superspreader, die Suche nach medikamentöser Behandlung und Impfstoffen und Lehren aus historischen Epidemien: neue Forschungsergebnisse zum Coronavirus

22.05.2020

Celine Wawruschka

Je länger die Regierungsmaßnahmen aufgrund der durch das Coronavirus ausgelösten Pandemie andauern, desto mehr verbreiten sogenannte alternative Medien und selbsternannte Expert*innen zweifelhafte Fakten und vermeintliches Wissen. An dieser Stelle informieren wir Sie einmal wöchentlich über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Coronavirus. Die Informationen stammen aus dem Newsletter aus Nature, einer der weltbesten wissenschaftlichen Zeitschriften, die seit 1869 veröffentlicht wird. Die Inhalte verschiedener Beiträge sind zusammengefasst und ins Deutsche übersetzt, die Links zu den englischsprachigen Originalveröffentlichungen eingefügt.

Der Beitrag dieser Woche informiert über infizierte Haustiere, die Verbreitung des Coronavirus durch einen einzigen „Superspreader“ in einer Chorgruppe, auf welcher Grundlage die Suche nach Medikamenten oder einem Impfstoff verläuft und inwiefern die Geschichte vergangener Epidemien jene soziale Ungleichheit aufzeigt, die sich auch im Zuge der COVID-19-Infektion abzeichnet. Einzelne Begriffe werden entweder im Text erklärt oder zu einer verlässlichen Quelle verlinkt.
Hunde mit SARS-CoV-2 infiziert [1]

Seit dem Ausbruch des Coronavirus in Wuhan, China, im Dezember 2019 fragen sich Wissenschaftler – und sicherlich auch die Besitzer*innen von Haustieren – ob die durch das Virus ausgelöste Infektionskrankheit auch Tiere im gemeinsamen Haushalt erkranken lässt. Eine internationale Forschergruppe aus Honkong und Australien konnte in zwei von 15 Hunden, deren Besitzer an COVID-19 erkrankt waren, durch eine gründliche Testung (einem PCR-Test, der die aktive Erkrankung nachweist, einer Serologie – einer Antigen-Antikörper-Reaktion, die im Blut nachgewiesen wird – und einer Genomsequenzierung sowie der Isolation des Virus in einem Fall) eine Infektion nachweisen. Betroffen waren ein 17 Jahre alter männlicher Spitz (Pomeranian) und ein zweieinhalb Jahre alter männlicher Schäferhund. Beide Tiere zeigten jedoch keine Symptome der Erkankung. Möglicherweise hat hier eine Übertragung von Menschen auf Tiere stattgefunden. Es ist jedoch offen, ob infizierte Hunde das Virus zurück auf einen Menschen übertragen können.

Link zum Originalartikel hier.

Ein einziger „Superspreader“ auf einer Chorprobe infizierte 87% der übrigen Sänger*innen [2]

Eine einzige Person, die eine Chorprobe in Skagit County im Bundesstaat Washington besuchte, infizierte offenbar 53 von 61 Chormitgliedern (= 86,7%), die an dieser Probe teilgenommen hatten. Drei der Infizierten mussten hospitalisiert werden, zwei von ihnen verstarben. Während der Probe gab es verschiedene Gelegenheiten für eine Übertragung: Die Chormitglieder saßen nahe beieinander, jausneten zusammen und stellten nach der Probe gemeinsam die Stühle übereinander. Während des Singens selbst könnten neben Tröpfchen auch Aerosole zur Ansteckung beigetragen haben, deren Ausstoß sich mit steigender Lautstärke erhöht. Aerosole sind z. B. wässrige, feste, ölige Schwebstoffe, also winzige Partikel, die wegen ihres geringen Gewichts lange Zeit in der Luft schweben, bevor sie sich bleibend ablagern (n Gegenständen oder indem sie zu Boden fallen). [3] Im Gegensatz dazu verbleiben die größeren und schwereren Tröpfchen, die ebenfalls durch Husten, Sprechen oder Niesen ausgestoßen werden, viel kürzer in der Luft und fallen viel schneller zu Boden.

Dieses Beispiel der Chorprobe verdeutlicht einmal die schnelle Übertragbarkeit des Coronavirus sowie die Wichtigkeit Menschenansammlungen zu meiden, räumliche Distanz zu praktizieren und einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wo dies nicht möglich ist.

Link zum Originalartikel hier.

Medikament(e) oder Impfstoff: Der Wettlauf um die Entschlüsselung der Proteinstrukturen des Coronavirus [4]

Am 10. Jänner wurde das komplette Genom des SARS-CoV-2-Virus veröffentlicht. Seitdem durchsuchen Forscher*innen weltweit die 29.811 RNA-Basen des Genoms, um den Aufbau seiner geschätzten 25 bis 29 Proteine zu klären. Mit diesen „Bauplänen“ könnten die Wissenschaftler*innen in ihren Laboren die Proteine nachbilden und visualisieren, um auf diese Weise medizinische Präparate zu finden, diese Proteine blockieren oder einen Impfstoff entwickeln. Da nun viele Länder bereits die globalen Ausgangsbeschränkungen aufgehoben haben und zügig ihre COVID-19-Maßnahmen lockern, erwarten Wissenschaftler*innen weitere Infektionswellen. Das Rennen um die Entschlüsselung der Proteine geht deshalb in uneingeschränktem Tempo weiter.

Link zum Originalartikel hier.

Welche Lehren wir aus Pandemien in der Vergangenheit ziehen können [5]

Der Ausbruch der Pest in London im 14. Jahrhundert, bei dem rund die Hälfte der Einwohner Londons verstarben, traf vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten bzw. jene, die durch den Ausbruch der Pest schnell in die Armut geschlittert waren. Unter der Pocken-Epidemie rund 400 Jahre litt vor allem die indigene Bevölkerung Nord- und Südamerikas, deren Immunsystem noch nie zuvor diesem Virus ausgesetzt war. Und auch die Spanische Grippe im Jahr forderte 1918 doppelt so viele Opfer in den ärmsten Schichten der Bewohner Oslos, verglichen mit den übrigen Einwohnern der Hauptstadt Norwegens (die damals noch Kristiania hieß). Epidemische Ausbrüche in der Vergangenheit zeigen also den ungleichen Tribut auf, den ihre Opfer zollen mussten. Wissenschaftler*innen, die historische Epidemien untersuchen, decken in ihren Projekten auf, wie Rassismus, Unterdrückung und Armut die Annahme eines Virus als „Mörder, der keine Unterschiede macht“ Lügen straft.

Auch im 21. Jahrhundert, mit dem Ausbruch der durch das Coronavirus verursachten Pandemie, sind ähnliche Verläufe zu beobachten. In New York City, das von der COVID-19-Pandemie stark betroffen ist, starben doppelt so viele Menschen mit lateinamerikanischem oder afroamerikanischem Hintergrund – verglichen mit der übrigen Bevölkerung – an der vom Coronavirus ausgelösten Infektionskrankheit. Gleichzeitig konzentrieren sich die Todesfälle in den ärmsten Stadtvierteln, in denen die Menschen auf zu engem Raum miteinander wohnen, der keine Selbstisolation im Falle einer Ansteckung zulässt, bzw. deren Bewohner nicht die Möglichkeit haben, im Home Office zu arbeiten.

Link zum Originalartikel hier.

Quellen:

[1] Thomas H. C. Sit, Christopher J. Brackman, Sin Ming Ip, Karina W. S. Tam, Pierra Y. T. Law, Esther M. W. To, Veronica Y. T. Yu, Leslie D. Sims, Dominic N. C. Tsang, Daniel K. W. Chu, Ranawaka A. P. M. Perera, Leo L. M. Poon und Malik Peiris, Infection of dogs with SARS-CoV-2, Nature 2020, https://doi.org/10.1038/s41586-020-2334-5.

[2] Lea Hamner, Polly Dubbel, Ian Capron, Andy Ross, Amber Jordan, Jaxon Lee, Joanne Lynn, Amelia Ball, Simranjit Narwal, Sam Russell, Dale Patrick, Howard Leibrand, High SARS-CoV-2 Attack Rate Following Exposure at a Choir Practice – Skagit County, Washington, March 2020, Morbidity and Mortality Weekly Report 69, 2020, 606–610, http://dx.doi.org/10.15585/mmwr.mm6919e6.

[3] H. Häfner und S. W. Lemmen, In: Daschner F., Dettenkofer M., Frank U., Scherrer M. (Hrsg.) Praktische Krankenhaushygiene und Umweltschutz. Berlin, Heidelberg 206, 99–106, https://doi.org/10.1007/3-540-34525-6_9.

[4] Megan Scudellari, The sprint to solve coronavirus protein structures – and disarm them with drugs, Nature 581, 2020, 252–255 doi: 10.1038/d41586-020-01444-z.

[5] Lizzie Wade, An unequal blow, Science 368/6492, 2020, 700–703, DOI: 10.1126/science.368.6492.700.

Auch wenn die Häuser der Wiener Volkshochschulen seit Mitte März geschlossen bleiben müssen, möchten wir dennoch unserem Bildungsauftrag nachkommen. In etwas adaptierter Form, nämlich via Facebook und Blogs auf unseren Homepages, und vielleicht mit einem bisserl ungewöhnlichen Ansatz. So werden Barbara Rosenberg mit einem Buchtipp, Brigitte Neichl mit einem „historischen Geheimnis“ rund um die Urania, Celine Wawruschka mit neuesten Informationen aus dem Wissenschaftsbereich zum Thema Corona, Mario Lackner und Willy Bottemer zum Thema Lebensfreude regelmäßig in Erscheinung treten.

Doris Zametzer, Direktorin VHS Wiener Urania und VHS Landstraße