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URANIA liest

Die Bagage

16.06.2020

Ein politisches Buch im besten Sinne des Wortes

Barbara Rosenberg

Der Roman „Die Bagage“ von Monika Helfer ist ein Buch über Armut und Abhängigkeit, über den Zusammenhalt einer Familie am Rande der dörflichen Gesellschaft und über schmerzhafte Erinnerungen, die an die nächsten Generationen vererbt werden. Womit dann auch der Bogen in die heutige Zeit geschlagen wird.
„Die Wirklichkeit weht hinein in das Bild, kalt und ohne Erbarmen, sogar die Seife wird knapp. Die Familie ist arm, gerade zwei Kühe, eine Ziege. Fünf Kinder.“
Monika Helfer entwickelt die Geschichte ihrer Familie aus der Lebensgeschichte ihrer Großeltern, der "überirdisch schönen" Großmutter Maria und des im Dorf gefürchteten Großvaters Josef, der als Soldat im Ersten Weltkrieg dienen muss.

Im Dorf werden die Moosbruggers, die oben auf dem Berg im äußersten Winkel des Bregenzerwalds wohnen abschätzig „die Bagage“ genannt. Sie, die viele Kinder, aber wenig zum Essen haben, kämpfen gegen Vorurteile und Getratsche, nicht zuletzt, weil Maria so „überirdisch schön“ ist.

Ihre Tochter Margarete, die Mutter der Autorin, wird von ihrem Vater ein Leben lang schlichtweg ignoriert, weil schließlich auch er den Gerüchten glaubt, dass sie ein „Kuckuckskind“ sei.

„Die Bagage“, das ist nicht nur die ärmliche Großfamilie, das ist auch ein gutes Bild für das Gepäck, das jedes Familienmitglied mit sich trägt. Monika Helfer macht „die Bagage“ zu einem Ehrentitel. Sie widmet ihr Buch „meiner Bagage“.
Darum finde ich das Buch besonders lesenswert.

Mich hat Monika Helfers autobiographischen Roman von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Das Buch ist mit seinen 160 Seiten schmal und leicht zu lesen, aber inhaltlich umso dichter. Der Erzählstil ist so eigen wie einnehmend, mit viel Einfühlungsvermögen und Sinn für Poesie.

Aus den Erinnerungen vieler Mitglieder des Clans trägt Monika Helfer Fakten, überlieferte Deutungen und Vermutungen zusammen. Immer wieder reflektiert sie dabei die eigene Perspektive, ringt um biographische Wahrheit und hält fest, dass es sich um einen in aller Freiheit erfundenen Roman handelt. Genauso, finde ich, kann man über die eigene Familiengeschichte, über Familienstrukturen und Beziehungen schreiben.

Gleichzeitig werden über die eindrucksvollen Beschreibungen persönlicher Schicksale auch die historischen und gesellschaftspolitischen Hintergründe der Zeit und die Folgen tradierter Gewaltverhältnisse greifbar. In dieser Hinsicht handelt sich auch um ein politisches Buch im besten Sinne des Wortes.
Zur Autorin:
Monika Helfer, geboren 1947 in Au im Bregenzerwald, lebt mit ihrer Familie in Vorarlberg. Sie hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht, für die sie u.a. mit dem Robert-Musil-Stipendium und dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur ausgezeichnet worden ist. Seit 1981 ist sie mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet.

Mehr zur Autorin finden sie hier.

Auch wenn die Häuser der Wiener Volkshochschulen seit Mitte März geschlossen bleiben müssen, möchten wir dennoch unserem Bildungsauftrag nachkommen. In etwas adaptierter Form, nämlich via Facebook und Blogs auf unseren Homepages, und vielleicht mit einem bisserl ungewöhnlichen Ansatz. So werden Barbara Rosenberg mit einem Buchtipp, Brigitte Neichl mit einem „historischen Geheimnis“ rund um die Urania, Celine Wawruschka mit neuesten Informationen aus dem Wissenschaftsbereich zum Thema Corona, Mario Lackner und Willy Bottemer zum Thema Lebensfreude regelmäßig in Erscheinung treten.

Doris Zametzer, Direktorin VHS Wiener Urania und VHS Landstraße