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LEBENSFREUDEblog

Mit Poesie zurück in die Normalität

26.06.2020

Mario Lackner

Der Countdown läuft: Montag, 6. Juli. Dann öffnen wieder alle Wiener Volkshochschulen ihre Pforten. So tun, als ob in den letzten vier Monaten nichts (mit uns) passiert wäre, wäre Realitätsverweigerung. Der Ausnahmezustand wurde noch nicht zur Gänze aufgehoben und seine psychischen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen werden mehr und mehr diskutiert, im Herbst auch im Rahmen der Corona-Vortragsreihe der VHS Wiener Urania und VHS Landstraße.

Was sich in den Wochen nach der „Corantäne“ bewährt hat, um dem Isolationsblues Paroli zu bieten, war mitunter auch sich selbst ein Stück Normalität zurückzugeben. Der Alltag löste sich per 16. März ja im wahrsten Sinne des Wortes vor unseren Augen auf. Während die einen (so sie nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden) im Homeoffice verblieben, kehrten andere an die verwaisten Wirkungsstätten zurück, um das Comeback jenseits des Cyberspace vorzubereiten.

So wurde für unser VHS-Comeback im III. Bezirk die Idee geboren die Ausstellung POESIE 12 POINTS! nachzuholen, die eigentlich im Vorfeld des auch abgesagten Eurovision Song Contest (ESC) im Mai geplant gewesen wäre. Am Mittwoch, 8. Juli ist es nun also auf Hainburger Straße 29 um 18:30 Uhr soweit: Wortspuren aus 7 Jahrzehnten Eurovision werden da über die Sommermonate zu sehen sein – in mehr Sprachen als an der VHS Landstraße überhaupt vermittelt werden! Wir haben in München Dr. Martin Beischl getroffen, um mit ihm als Co-Kurator im Vorfeld der Vernissage über die Ausstellung zu sprechen:
Lieber Herr Dr. Beischl, wie kam es dazu, dass Sie mit dem Programm-Manager der VHS Landstraße, Mag. Mario Lackner, POESIE 12 POINTS! zusammengestellt haben?

Mag. Lackner und mich verbindet seit eh und je nicht nur die Liebe zum Song Contest, sondern auch und vor allem zu dessen Völker und Kulturen einender Kraft. Diese drückt sich ganz besonders in den textlichen Botschaften zahlreicher Beiträge aus. Es geht um Zuversicht und Aufbruch, um Leid, Liebe, Tod und Schmerz, universell gültige Botschaften – verpackt in nationale sowie regionale Sprachen und Ausdrucksformen. Diesen Botschaften möchten wir einen würdigen Rahmen geben.

Was bedeutet der Titel der Ausstellung POESIE 12 POINTS!?

12 Points – 12 Punkte! Das ist der Ritterschlag für ein Werk, die Höchstwertung in der Welt des Song Contest. Generationen von ESC-Teilnehmenden wünschen sich nichts sehnlicher, als einmal, und sei es von einer einzigen nationalen Jury, diese magischen Worte zugesprochen zu bekommen. Mag. Lackner und meine Wenigkeit wollten damit den völkerverbindenden Charakter der Poesie in den Vordergrund stellen.

Bei der Fülle von weit über 1500 Beiträgen seit dem ersten Grand Prix Eurovision 1956, wie sind Sie da bei der Auswahl der nun 32 präsentierten Liedtexte vorgegangen?

Zunächst war es uns wichtig, eine breitest mögliche Anzahl europäischer Sprachen zu repräsentieren. Wir haben uns recht schnell auf eine Vorauswahl von Texten mit herausragender Ästhetik oder besonders relevanten Botschaften geeinigt, Liedtexte, die ganz ohne Banalitäten, Allgemeinplätze oder Klamauk auskommen. Das Resultat sind 32 Stimmen europäischer Vielfalt.

Es werden ja nur Textpassagen – „Wortspuren“ wie es im Ankündigungstext zur Vernissage heißt – und nicht die gesamten Lyrics ausgestellt. Was haben diese Zeilen, was diese für Sie und Ihren Co-Kurator so besonders machen?

Die gewählten Passagen verdichten die Botschaft des gesamten Liedtextes in einer kurzen Wortspur, drücken hierbei die Ästhetik und die Bedeutung des Gesamtwerks besonders kraftvoll aus. So wird das Verlangen nach einem gemeinsamen Frühstück auf einem blauen dänischen Balkon zum Sinnbild für Einsamkeit.

Wer hat Ihnen bei der Übersetzung der nicht-deutschsprachigen Texte unter die Arme gegriffen? Sie sprechen wohl weniger beispielsweise Arabisch, Norwegisch und die litauische Mundart Samogitisch / Schemaitisch oder etwa doch?

Bedauerlicherweise nein. Leider! Jede Sprache ist unfassbar reich und Mag. Lackner und ich legten enorm viel Wert darauf, bei den Übersetzungen genau diesen Reichtum zu transportieren. Bei den von uns selbst nicht gesprochenen Sprachen behalfen wir uns offizieller Quellen, Websites von Eurovisions-Liebhaber*innen und haben zudem alle Texte auch nochmals via Web-Applikationen gegengeprüft. Bei besonders kniffligen Fragen konnten wir dankenswerterweise auch auf die Expertise im Dozent*innenkreis der Sprachlehrenden der VHS Landstraße und VHS Wiener Urania zurückgreifen.

In Corona-Quarantänezeit wurde auf Facebook in Kooperation mit den Song-Contest-Fanclubs Deutschlands und Österreichs ein Voting abgehalten, aus dem als schönster ESC-Liedtext „Die Zeit ist einsam“ von Austropop-Legende Peter Cornelius als Gewinner hervorging. Was sagen Sie zu dieser Wahl, dem Geschmack der Masse?
Eine wahrhaft würdige Wahl. Die österreichische Song-Contest-Lyrik schenkte Europa vor allem in der 1970er- und 80er-Jahren einige erhebende Momente.

Interessanterweise finden sich in Ihrer Auswahl nur zwei ESC-Siegerbeiträge: Luxemburgs „Si la vie est cadeau“ und Österreichs Triumphs „Rise Like A Phoenix“, dessen Text vom New Yorker Popkünstler Charlie Mason stammt. Waren Ihnen die Texte der meisten Siegerlieder schlichtweg zu banal?

Kurz gesagt, ja! Bei unserer Recherche fiel uns tatsächlich der vergleichsweise hohe Anteil von Nonsens-Titeln bei Siegertiteln auf: Lalala, Boom-Bang-A-Bang, Dinge Dinge Dong, A-Ba-Ni-Bi taugen leider nicht für lyrische Höhenflüge. Ausnahmen wie Serbien 2007, Türkei 2003 oder Portugal 2017 sind vorhanden, bestätigen aber die Regel.

Welche der ausgestellten Sprachen gefällt Ihnen besonders und welche würden Sie vielleicht gern an einer Volkshochschule lernen wollen?

Tatsächlich Griechisch. Eine sehr emotionale und ausdrucksvolle Sprache, die man heutzutage leider nur noch selten beim Song Contest zu hören bekommt. Und gerne würde ich tatsächlich Tschechisch lernen, da mich die slawischen Sprachen faszinieren.

Beides hätten wir an VHS Wiener Urania und VHS Landstraße im Programm! Und welches ist Ihr absolutes Lieblingslied, von dem es eine Wortspur in die Ausstellung geschafft hat?

Polen 1997. Die sehr renommierte Jazz-Sängerin Anna-Maria Jopek singt in „Ale jestem“ voll Optimismus von dem, was die menschliche Existenz ausmacht. Laut dem von Magda Czapińska gedichteten Text sind wir alle nur ein Regentropfen, ein Sandkorn, ein Lichtstrahl auf dem Weg zu den Sternen, doch wir sind. Wundervoll!
Drei Wörter, die Ihnen im Rahmen der Ausstellung besonders ans Herz gehen?

Saulelė (= die frühe Morgensonne), Retribution (= Wiedergutmachung), Neubeginn.

Herzlichen Dank für das Interview und Ihre wunderbare Ausstellung als Zeichen für den Neubeginn unserer analogen Bildungsarbeit an Wiens VHS-Standorten. Auf bald und auf ein Wiedersehen in Wien am Mittwoch, 8. Juli in der VHS Landstraße!

Weitere Infos zu „Poesie 12 Points!“ finden Sie hier.

LEBENSFREUDEblog-Eintrag vom letzten Mal.
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Facebook-Seite VHS Landstraße
Auch wenn die Häuser der Wiener Volkshochschulen seit Mitte März geschlossen bleiben müssen, möchten wir dennoch unserem Bildungsauftrag nachkommen. In etwas adaptierter Form, nämlich via Facebook und Blogs auf unseren Homepages, und vielleicht mit einem bisserl ungewöhnlichen Ansatz. So werden Barbara Rosenberg mit einem Buchtipp, Brigitte Neichl mit einem „historischen Geheimnis“ rund um die Urania, Celine Wawruschka mit neuesten Informationen aus dem Wissenschaftsbereich zum Thema Corona, Mario Lackner und Willy Bottemer zum Thema Lebensfreude regelmäßig in Erscheinung treten.

Doris Zametzer, Direktorin VHS Wiener Urania und VHS Landstraße